"Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung

Mit diesem ungewöhnlichen Zitat – es ist das Wort eines jüdischen Mystikers aus dem 18. Jahrhundert – schloß der CDU-Abgeordnete Benda seine Rede in der Verjährungsdebatte des Bundestages. Das Wort macht deutlich, in welche Dimensionen die Debatte zuweilen vorstieß.

Es ging nicht nur um die juristische Frage, ob eine Aufhebung der Verjährung für NS-Morde mit den geltenden Gesetzen vereinbar sei, es war nicht nur eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Rechtsmeinungen; was letztlich zur Debatte anstand, war die Frage, wie dieses Volk mit seiner Vergangenheit leben will. Einer Vergangenheit, die vielen Bürgern unseres Landes so unwirklich geworden ist wie ein böser, grausiger Traum, den man vor langer Zeit geträumt hat und dessen Schreckgestalten eigentlich keinen Platz mehr haben in der nüchternen Tageshelle eines relativ geordneten, in Maßen freiheitlichen Staatswesens. Und doch ist dieser Traum Teil der deutschen Geschichte. Freunde und Gegner erinnern uns daran – gerade wenn wir ihn vergessen wollen.

Gewiß, es gab Zeiten, da kümmerten sich nur wenige darum. Als der kalte Krieg auf seinem Höhepunkt war, fragte man: Wieviel Divisionen können die Deutschen stellen? Man fragte nicht, sind sie mit ihrer Vergangenheit ins reine gekommen. So wurde die Bundesrepublik, schneller als sie eigentlich hoffen durfte, "vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft der freien Völker". Gerade weil dieses Land scheinbar mühelos seinen Platz auf der internationalen Bühne zurückgewann, konnten seine Bürger glauben, es genüge, sich von jenen Jahren zu distanzieren, es sei genug, für einen neuen Staat zu arbeiten, um den alten vergessen zu können.

In den letzten Monaten jedoch ist das Mißtrauen gegen dieses Volk, das unter einer verbrecherischen Führung soviel Unheil über die Welt gebracht hat, plötzlich wieder manifest geworden. Dabei mag manchmal pharisäerhafter Dünkel mit im Spiel gewesen sein. Moralische Selbstgerechtigkeit kann sich nur erhalten, wenn sie einen Sündenbock hat: Die Deutschen, die Kommunisten, die Kapitalisten oder wen auch immer.

Diejenigen, die leichthin von "den" Deutschen sprachen, vergaßen, daß in jedem Volk Gewalttat und Unrecht nur von einem dünnen Zivilisationsfirnis überdeckt sind. Ebensowenig wie ein Deutscher sagen kann, es seien ja nur die Nazis gewesen, die sich schuldig gemacht hätten, er selbst sei ja "nicht betroffen", so können auch andere Völker nicht guten Gewissens sagen, es seien doch nur die Deutschen gewesen, die das Unheil heraufbeschworen hätten. Auch die freien Völker haben es wachsen sehen und wachsen lassen, und sie haben mit dem Unrechtsstaat Kompromisse geschlossen – oft auf Kosten seiner Opfer. Auch die Menschheitsgeschichte läßt sich nicht einfach auseinanderdividieren.

All dies bedeutet nicht, daß der NS-Staat eben ein Verhängnis gewesen sei, dem man nicht habe entrinnen können, ein trauriges Kapitel der Geschichte, das man schleunigst vergessen müsse, um zukunftsfroh und unbeschwert an der Welt von morgen mitzuarbeiten. Hat nicht das deutsche Volk mit wahrer Verbissenheit am Wiederaufbau seines Landes gearbeitet, aus Trümmern und Ruinen wieder eine Zivilisationslandschaft gebaut? Hat es nicht eifrig und voll guten Willens sich für die europäische und die atlantische Gemeinschaft eingesetzt, hat es nicht sein Pensum wie ein Musterschüler erledigt? Es hat sich bemüht, alles vergessen zu machen, und trotzdem hat die Geschichte es wieder eingeholt.