Daß das große Konzertpublikum der neuen und neuesten Musik mit Reserviertheit begegnet, ist nicht neu. Daß trotzdem in den größeren Städten sich für Matineen und Konzertabende mit ausschließlich neuer Musik genügend interessierte Hörer finden, beweist die Praxis, in München wie in Hamburg, in Köln wie in Berlin.

Was aber vermag der Generalmusikdirektor zu tun in einer Stadt, die ein wenig abseits vom großen Kulturbetrieb liegt?

Er hatein Abonnentenpublikum, das acht- oder zehnmal im Jahr seine Konzerte besucht und dabei zwischen fünfundzwanzig und dreißig Werke hört. Und er hat ein Orchester, etwa sechzig Musiker, die häufig genug auch das Theaterorchester bilden, Oper, Operette und Ballettmusik zu spielen haben und denen daher relativ wenig daran gelegen ist, mit einem riesigen Probenaufwand die Musik unserer Tage sich zu erarbeiten, eine Musik, die „schwerer“ zu spielen ist als die klassische.

Dem Dirigenten sieht man auf die Finger: Seine Karriere kann davon abhängen, wieviel Moderne er „macht“. Wie aber soll er?

Der eine kaschiert. Er versucht, das Neue unter Altem verpackt, Henze etwa neben Haydn und Schumann, einzuschmuggeln. Das erfordert Fingerspitzengefühl. Wie weit darf er gehen? Die Abonnentenstatistik ist eine gefährliche Waffe gegen ihn.

Der andere – er ist am häufigsten – nimmt die Hürde stufenweise. Er hütet sich vor der letzten Avantgarde, spielt Hindemith, Strawinsky, Bartok; aber Henze, Stockhausen, die jungen Polen oder Italiener sind seinen Hörern heute noch unbekannt. Dort wird man immer Jahre hinter der Aktualität herhinken.

Der dritte ist – leider – der seltenste. Er veranstaltet eine Matinee, vielleicht sogar einen Zyklus neuer Musik, arbeitet mit einem kleinen „Studio für Neue Musik“ zusammen, verteilt Kompositionsaufträge. Und er gibt – das ist das Wichtigste – Einführungen.