Von Renate Kingma

Arbeitsgemeinschaft für politische Psychologie: Vorurteile – ihre Erforschung und Bekämpfung; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt, 9,80 DM.

Daß die Psychologie auch politische Aufgaben hat, wußte schon Platon. Aber es dauerte Jahrhunderte, bis sie sich von einem unwissenschaftlichen Propagandainstrument zu einem Forschungszweig entwickelte, der durch genaue empirische Untersuchungen dazu beitragen will, all die unbewußten Haltungen und Kräfte zu durchleuchten, die immer wieder und überall politisches Geschick beeinflussen. Die vorliegende Schriftenreihe ist das Sprachrohr einer seit wenigen Jahren bestehenden Arbeitsgemeinschaft für politische Psychologie, die sich im Bund Deutscher Psychologen gebildet hat.

Nach zwei Bänden ist nun ein Band über „Vorurteile“ erschienen, aus Referaten und Untersuchungen der verschiedensten psychologischen Schulen zusammengestellt. In ihrer wissenschaftlich komprimierten Darstellungsweise, in der man die Zwischentöne leidenschaftlicher persönlicher Beteiligung nicht überhören kann, sind diese Aufsätze, zusammengenommen, das Umfassendste, was je über Vorurteile geschrieben worden ist.

Die Autoren haben natürlich, gemäß der Verschiedenartigkeit ihrer Standorte, verschiedene Ansichten von der Entstehung und Bekämpfung der Vorurteile. So macht zum Beispiel René König (Köln) den Kampf gegen Rationalismus und Aufklärung seit Hegel, der einen spezifisch deutschen Denkstil schuf, für die Entstehung von Vorurteilen antisemitischer Art verantwortlich. Ernst E. Boesch (Saarbrücken) erwähnt die weltanschaulichen Krisen, die wachsende Unsicherheit des 19. Jahrhunderts, den Abbau der Autoritäten und deutet damit an, daß diese „Potentialität des Unheils“, die er unserer Kultur zuschreibt, „aus dem konstanten Mißbrauch der Macht“ stammen könnte, „der unsere Geschichte charakterisiert“.

Wanda von Baeyer-Katte, Heidelberg, beobachtete den Zind-Prozeß in Offenburg. Die überaus korrekten Verfahrensweisen der Behörden und das indifferente, vorsichtige Verhalten der Bevölkerung lassen sie zu dem Schluß kommen, daß der Antisemitismus in Deutschland keinesfalls tot ist, sondern nur zurückgedrängt durch neue gesellschaftliche Normen, denen man sich heute anzupassen versucht, wie man sich auch vor dreißig Jahren anzupassen versucht hatte. Es bedürfe nur einiger öffentlicher Sanktionen, um die latenten Vorurteile wieder ausbrechen zu lassen. In diesem Mitläufertum, heute wie damals, verberge sich die größte Gefahr.

Alexander Mitscherlich als Psychoanalytiker interessiert sich vor allem für den Weg vom privaten Vorurteil (als einem vorschnellen Urteil zur bequemeren Orientierung in der Welt) zum kollektiven Wahn. Er zweifelt daran, daß es überhaupt Gemeinsamkeiten gibt. Die Gründe für Terror durch Vorurteile liegen, so sagt er, in der Erziehung, in der durch Demütigungen und Entbehrungen erzwungenen Anpassung an die Normen unserer Gesellschaft. Der dabei angestaute Triebüberschuß entlädt sich dann eines Tages auf die „outsider“, sei es, daß man wirklich welche findet, sei es, daß man sie sich im Sinne eines tiefenpsychologischen Begriffes der Rationalisierung erst suchen muß. Seine Forderung: Zum Nachdenken erziehen, die Selbstbeobachtung schulen, Reflexion vor jede Handlung einlegen, die sich uns aufdrängt („Warum tue ich das eigentlich?“ – „Was geht jetzt in mir vor?“) Nur so könnte die unheilvolle Kette der Erfahrungen, die Kinder durch ihre Eltern machen mußten und die sie nun weitergeben zu müssen glauben, unterbrochen werden.