Das 1880 von dem Hersfelder Gymnasialdirektor (Konrad) Duden erstmalig herausgegebene Rechtschreibebuch gleichen Namens, inzwischen um sieben Bände erweitert und mit astronomischen Auflageziffern, die der Verlag verschweigt, dieser Duden, man verrät da kein Geheimnis, ist das BGB der deutschen Sprache, „Zuverlässigkeit bis Unfehlbarkeit“ wird ihm von einem Rezensenten attestiert, und der Verlag zitiert es nicht ohne Behagen.

Seit einigen Jahren nun bietet sich zu all diesen Superlativen die Gelegenheit, auch schon Kinder auf ein Leben in Unfehlbarkeit mit Duden vorzubereiten. 1959 erschien ein „Kinderduden“, soeben erscheint „The English Kinderduden“ (Bibliographisches Institut, Mannheim; 111 Seiten, 5,80 DM, und, im gleichen Verlag, sehr zeitgemäß, „Meyers Kinder-Verkehrsfibel“, 152 Seiten, 6,80 DM).

Der „English Kinderduden“ bringt auf 25 Bildtafeln Szenen aus dem englischen Leben, die vollgestopft sind mit jeweils bezifferten Personen, Gegenständen, Tieren und allem, was so die Welt überhaupt bietet. Die Ziffern werden auf der gegenüberliegenden Seite in Vokabeln umgesetzt, außerdem folgt eine kurze Geschichte, die auf das Bild Bezug nimmt. Alle Wörter, die in dieser Geschichte neu vorkommen (das heißt, noch nicht als bezifferte Vokabeln auftauchten), werden in einem Wörterverzeichnis am Schluß erklärt.

Das alles ergibt eine Mischung aus Bilderbuch, fremdsprachiger Anfängerlektüre plus Information über ein anderes Land, also durchaus empfehlenswert für Kinder im frühen Lese- und allerersten Englischalter.

Fragt sich nur, ein großer Name verpflichtet und belastet da zuweilen, wie es denn mit der Unfehlbarkeit steht. Nicht, daß man jetzt um einzelne Wörter, um Übersetzungsnuancen rechten wollte. Aber den Mannen, die im Namen Konrad Dudens allgeheiligte Anweisungen zur Handhabung der Muttersprache geben, scheint die Mentalität des Kindes doch ein wenig fremd zu sein. Denn ein Mensch, der auch nur ein bißchen terre à terre ist, hätte doch wohl gesehen, daß es unsinnig ist, einen schlichten, undefinierbaren Baum, der die Nummer 9 trägt, ur.ter „9 = Lime tree“ (zu deutsch die Linde) zu vermerken. Da dieser angebliche Lindenbaum auch von einem versierten Botaniker wahrscheinlich nicht als solcher identifiziert werden könnte (und dieses Buch außerdem auch kein Botanik-Duden sein soll) wäre „9 = tree“ (also einfach Baum) weniger verwirrend und im Zusammenhang des Buches sinnvoller gewesen.

Genauso fragwürdig scheint es, den winzigen, nicht definierbaren braunen Klecks auf einem Teller mit „meat“ (gleich Fleisch) zu übersetzen (besonders, da das Bild, auf dem solches geschieht, den Nachmittagsausflug einer Familie in einen tea-garden illustriert). Das heißt die Phantasie der Kinder, die natürlich auf „Kuchen“ tippen würden, irreführen. Aber der „Kuchen“ ist bereits an einer anderen Stelle des Bildes verbraten – und damit kommt man auf ein anderes Übel:

Warum müssen auf einem 13 X 19 Zentimeter großen Bild unbedingt 29 Dinge numeriert – und das heißt, genau erkennbar – sein? Die Hälfte tät’s auch, und dann bestünde mehr Wahrscheinlichkeit, eine Frikadelle von einem Stück Gebäck unterscheiden zu können.

Nichtsdestoweniger: das kleine Buch bietet zuweilen sehr viel authentischeres Englisch als manches deutsche Schulbuch für den Englischunterricht, und wer es einem Kind nicht nur auf den Tisch knallen, sondern dazu zum Korrigieren von Fehltips (siehe „meat“) auch ein wenig Mitlesezeit aufbringen kann, der wird die Anschaffung nicht bereuen. P. K.