Celle

Drei Dutzend Frühaufsteher standen am Sonntagmorgen fröstelnd vor dem Celler Schloß und diskutierten – erregt teils, teils amüsiert – einen Anschlag am verschlossenen Hauptportal. Die Gemeinschaftsaufstellung der beiden jungen Maler Eggers und Hilsing aus Hannover, zu deren Eröffnung sie gekommen waren, fand nicht statt, weil – so wurde lakonisch mitgeteilt – die beiden Aussteller ihre Werke „kurzfristig zurückgezogen“ hätten. Von den Veranstaltern, dem „Bund Bildender Kunstler“ (BBK) in Celle, war nichts zu sehen. Gerüchte gingen um. Die einen sprachen von Zensur und städtischer Willkür, andere raunten von üblen Pornographien, die das ehrwürdige Gemäuer der gotischen Halle verunzierten.

Tatsächlich hatte der Bund, der in der Regel seine Ausstellungen in eigener Verantwortung durchführt, am Tage zuvor unverhofften Besuch des städtischen Kulturdezernenten und Museumsdirektors Dr. Jürgen Leister bekommen, der nach der Besichtigung der rund hundert Ausstellungsstücke kurzerhand fünf Bilder als „Pißbudenmalerei“ klassifizierte (Leister heute: „Natürlich habe ich das gesagt, aber nur in privatem Gespräch!“). Leister forderte, daß sie entfernt werden sollten. Avantgardisten, insbesondere „wenn sie pornographisch wirken könnten“, sollten seiner Meinung nach nicht in Schlössern, sondern nur in privaten Kunstkabinetten gezeigt werden. Als Hausherr der gotischen Halle und Verwalter der städtischen Subventionen für Kunst und Kultur drohte er dem Bund mit Hausverbot und Entzug der öffentlichen Mittel. Zensur aber, so betonte er, wollte er keineswegs ausüben.

Die beiden Maler jedoch waren mit der Teilamputation ihrer Ausstellung nicht einverstanden. Sie holten ihre Arbeiten von den Wänden und verstauten sie wieder in ihrem VW-Transporter. Bemühungen privater Kreise, die Ausstellung doch noch zu retten und in anderen Räumlichkeiten zu veranstalten, endeten mit einer Stern – fahrt am Sonntagnachmittag, die Maler und Interessenten zu einer abgelegenen Gaststätte im Celler Landkreis führte. Doch Eggers und Hilsing resignierten nach kurzem Lokaltermin vor der dörflichen Abgeschiedenheit ihres neuen „Ausstellungsortes“; sie fuhren endgültig ab.

Nun sollte man annehmen, daß die beiden vertriebenen Künstler weithin berüchtigte „Obszöne“ sind, wenn nicht gar „einschlägig vorbestrafte Pornographen“ vom Schlage Wunderlichs oder Baselitz’. Aber mitnichten: die in Celle inkriminierten Bilder sind bereits häufig gezeigt worden, nicht nur in Berlin, München, Zürich oder Warschau, sondern auch in Mittelstädten wie Wolfsburg, Göttingen, Braunschweig und Hamm. Und das stets ohne Beanstandung des Staatsanwalts. Was eingefleischte Volkswartbündler dem Maler Hilsing allenfalls vorwerfen könnten, ist, daß auf seinen Ölgemälden die primären Geschlechtsmerkmale der Figuren nicht nur nicht fromm kaschiert, sondern recht deutlich dargestellt sind. Und an Eggers’ Graphiken mögen manchen seine gelegentlich mit parodierten Bibelmythen verquickten Anatomiebuchinspirationen mißfallen. Daraus als erster auf den Tatbestand der Sittengefährdung geschlossen zu haben, ist jedoch das Verdienst des Celler Museumsdirektors.

Ein so eklatanter Fall von Zensur, so sollte man meinen, müßte Öffentlichkeit und Presse alarmieren. In Celle jedoch stand die Presse an Sittenstrenge hinter dem Zensor nicht zurück.

Die marktbeherrschende „Cellesche Zeitung“ ist zur Stelle, wenn es darum geht, die „Ordnung“ zu verteidigen. So meinte ihr Chefredakteur Mühe, als die Gruppe 47 eine Boykotterklärung zu Adenauers Deutschland-Fernsehen abgab, das seien vorwiegend „sogenannte Edelkommunisten“. Tucholsky, Kästner und Mehring wurden in dem Blatt als „sogenannte Deutsche“ apostrophiert. Unglücklicherweise stieß der Rezensent des Blattes im Katalog auf die Vokabel „exhibitionistische Triebbefreiung“. Die Malereien, so meiste er, müßten aus der Halle entfernt werden, „sonst dürften sich noch viele Bürger darüber entsetzen“. Im Photo könne man die Bilder nur aus sicherer Entfernung zeigen, um die Leser nicht zu schockieren.