Politik aus der Hoffnung

Erich Müller-Gangloff: „Horizonte der Nachmoderne“; Burckhardthaus- und Kreuz-Verlag, Gelnhausen; 240 Seiten; 9,80 DM.

Ob es wohl einmal eine Zeit gegeben hat, in der die allgemeine Rede von der „unbewältigten Vergangenheit“ noch keine unausstehliche Phrase war? Heute ist sie natürlich Pose, als ob; und wer sich noch in generellen Sätzen über das „Bewältigungs“-Thema versucht, wird kaum gelesen werden. Denn was heißt „Bewältigung“? – Anklage? Das Geständnis: „Mea maxima culpa?“ Oder die sattsam bekannte kulturpessimistische Schreiberei? – Und was soll denn überhaupt „bewältigt werden? – „Hitler in uns“? Der „Nullpunkt“? Oder die „Vermassung?“

Müller-Gangloff, Direktor der Evangelischen Akademie Westberlin, gibt hier sachliche Auskünfte, die Aufmerksamkeit verdienen: „Bewältigung“ ist das zentrale ethische Problem der aktuellen Situation in Politik, Wirtschaft, Technik und Religion. Und „Bewältigung“ bedeutet: auf der Höhe unserer gegenwärtigen Zusammenbrüche sein.

Er präzisiert das mit einer „Äquivalenz“, die bei näherem Zusehen wirklich interessant ist: Wenn wir das Unheil überwinden wollen, das die Katastrophen der Vergangenheit nachweislich noch in der Gegenwart stiften, dann müssen, wir uns mit letzter Entschiedenheit der Welt von morgen zuwenden. Und wenn wir die drohenden Katastrophen der nächsten Zukunft vermeiden wollen, dann dürfen wir keinesfalls vor dem kapitulieren, was uns und unseren Zeitgenossen jenseits des Eisernen Vorhangs und in Übersee noch immer Schrecken einjagt: unser Scheitern in der allgegenwärtigen Vergangenheit.

Zur Illustration nur ein paar Sätze über die politische Ost-West-Szenerie: Die Besieger Deutschlands haben sich mit den Methoden der Besiegten infizieren lassen (Paul Sethe): mit jener Politik des Abschreckens, Auftrumpfens und Bluffens, die bewußt am Abgrunde von Kriegsprovokationen entlangwandelt und auf die Angst des Gegners spekuliert. – Werden unsere farblosen Koexistenz-Vorstellungen nicht zur immer dürftigeren Verkleidung einer inkompetenten „Antipolitik“, einer Abwesenheit politischer Vernunft, wenn wir nicht in „Proexistenz“ beginnen, „Propolitik“ zu treiben?

Mit dem Übermaß an Vernichtungsmitteln hat ein „Niedergang des Militärischen“ begonnen (Wilhelm Wolfgang Schütz), der militärische Sicherheitsromantik nur noch um den Wucherpreis des Untergangs zuläßt. – Wird Hitlers „Unpolitik“ nicht einen grausigen posthumen Triumph erleben, wenn wir nicht allen unkontrollierten Emotionen und jeder Spur von Zynismus absagen und uns in die Vorstellungen des politischen Gegners versetzen, für ihn mitdenken und ihn davor bewahren, durch einen entscheidenden politischen Fehler den gemeinsamen Untergang heraufzubeschwören?