Von Hoimar von Ditfurth

Nur allzu selten hat ein Rezensent das Vergnügen, ein Buch ohne Vorbehalt rühmen zu können. Dieser hohe Genuß steht mir bevor angesichts der Würdigung des Buches von Man lasse sich nicht täuschen. Dies ist nicht das Buch eines Systematikers oder gar Dogmatikers, es ist das Buch eines Aphoristikers, der prachtvoll zu erzählen weiß. Lorenz läßt sich keine Gelegenheit zu einem der brillanten und hintergründigen Bonmots entgehen, die ihn fast ebenso berühmt gemacht haben wie seine revolutionierenden wissenschaftlichen Entdeckungen. (Ein Korallenfisch „zieht seine Flagge ebensowenig ein wie ein britisches Kriegsschiff in einem Seeroman von Forester“. Oder zum Abschluß der Diskussion über die Monogamie der Graugänse, die freilich nur grundsätzlich gilt und gegen die von so manchem Ganter verstoßen wird: „Gänse sind schließlich auch nur Menschen!“) Und wer die großartige Schilderung der Taucherlebnisse des Verfassers vor Floridas Küsten liest, die das ganze erste Kapitel ausmachen, auch der wird noch immer das Gewicht des Buches kaum spüren, das er in der Hand hält.

Aber man lasse sich nicht täuschen: „Das sogenannte Böse“ ist nicht nur eines der interessantesten, es ist auch eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahre.

Worum also geht es? Das hinter der verführerisch beruhigenden Fassade des Gewohnten verborgene Problem läßt sich am besten vielleicht anekdotisch skizzieren: In der Nähe der Frankenwarte bei Würzburg steht ein fast hundert Jahre alter Grabstein. Seiner Inschrift ist zu entnehmen, daß hier ein Hannoveraner begraben liegt, der für Preußen in den Krieg ziehen mußte und dabei im Kampf gegen bayerische Soldaten sein Leben verlor. Es ist nicht ganz leicht, sich klarzumachen, daß diese heute unvorstellbare Situation vor noch nicht ganz hundert Jahren blutige Wirklichkeit war. Es folgten drei Kriege gegen den „Erbfeind“ Frankreich, deren letzter noch nicht zwanzig Jahre zurückliegt. Und auch hier erscheint uns eine abermalige Wiederholung des Ereignisses, das siegreich zu bestehen noch das unbezweifelt erstrebenswerte Ziel unserer Väter und Großväter gewesen ist, bereits heute als völlig undenkbar – nicht auf Grund irgendwelcher augenblicklicher und vielleicht vorübergehender politischer Konstellationen, sondern grundsätzlich, als Denkmöglichkeit überhaupt.

Die beiden Daten markieren den jüngsten Abschnitt einer Entwicklung, die bis in die Urgeschichte der Menschheit zurückreicht. In ihrem Verlaufe ist der Bereich, innerhalb dessen der Mensch noch fähig ist, sich mit anderen Menschen als zur gleichen Gemeinschaft gehörig zu erleben, ständig größer geworden – von der Urhorde über den Stamm, vom Stadtstaat über die Nationalstaaten bis hin zu den sich heute bildenden Blöcken kontinentalen Ausmaßes. Für das Verständnis des Wesens dieser Entwicklung ist es vielleicht noch besser zu sagen, daß in ihrem Verlauf die Grenze, hinter der für das Erleben des Menschen das „Fremde“ begann, psychologisch und schließlich auch geographisch immer größere Räume umfaßte. Und da nun die Begriffe fremd und feindlich nicht nur philologisch Synonyma sind, war das gleichbedeutend mit der Befriedung immer größerer zusammenhängender Gebiete der Erdoberfläche.

Diese Entwicklung könnte optimistisch stimmen, wenn sie sich nicht gerade in unseren Tagen in einer unvermeidlich erscheinenden Sackgasse festgefahren hätte. Befriedung setzt nämlich eine Grenze voraus, über die hinaus die aggressiven Tendenzen von dem „umfriedeten“ Gebiet abgeleitet werden können. Befriedung setzt sogar einen Gegner voraus, von dessen „Gegenüber“ sich die eigene Gemeinschaft absetzen muß, um sich dadurch als Gemeinschaft überhaupt erst konstituieren zu können. Und da nun die Oberfläche einer Kugel nicht unendlich groß ist, mußte als unvermeidbares Endstadium der Entwicklung früher oder später eben die Situation eintreten, mit der wir uns heute konfrontiert sehen: Die Größe der befriedeten Gebiete und die Größe der Gefahr haben das äußerste denkbare Maß erreicht, es sind die beiden Hälften der Erde, die heute einander gegenüberstehen.