M. E., Berlin

14 000 der 23 000 Studenten an den vier Westberliner Hochschulen sind auf den freien Wohnungsmarkt angewiesen. 60 Prozent der Westberliner Studenten kommen aus der Bundesrepublik und aus dem Ausland. Westberlin galt bis 1961 als Wohnparadies. Es gab genügend möblierte Zimmer, die Mietpreise hielten sich in einer vernünftigen Relation zum studentischen Durchschnittseinkommen, das mit 250 bis 300 Mark immer noch unter dem von Fachleuten errechneten Minimum von 350 Mark monatlich liegt. Heute aber gibt es dieses nicht mehr. Der Zuzug von jährlich 19 000 Arbeitern aus dem Bundesgebiet und ein Zuwachs von rund 3000 Studenten gegenüber 1961 hat hier die gleiche Raumnot geschaffen, die in Westdeutschland an der Tagesordnung ist.

Ein Fünftel aller Studenten wohnen in den acht Wohnheimen. Ein kleiner Prozentsatz hat sich in Gemeinschaftswohnungen eingemietet, nur wenige besitzen eigene Wohnungen. Die möblierten Buden bilden den Hauptanteil. Darunter sind Unterkünfte, die ein bundesrepublikanischer Landwirt keinem Haustier bieten würde: fensterlose Korridore, in denen Leuchtstoffröhren Kummerlicht spenden; Räume, vor deren einzigem Fenster die Brandmauer des nächsten Hauses zum Greifen nah ist; Riesenzimmer mit schlecht funktionierenden, brikettverschlingenden Öfen; Wohnlauben, Garagen, Abstellräume.

Im Wintersemester 64/65 mußten rund 8000 Immatrikulierte Stadt und Universität räumen, weil sie keine Unterkunft bekamen. Im kommenden Sommersemester werden es fast 12 000 sein. Denn selbst wenn jemand über den „zumutbaren Mietsatz“ von 16 Prozent seines Einkommens (70 Mark) hinaus zahlungskräftig wäre, fände er dennoch keine Bleibe.

Diesem Übel abzuhelfen, nahm sich Jürgen Dierks, Wohnheimreferent der Studenten Vertretung der Technischen Universität Berlin, vor – allen Skeptikern zum Trotz: „Leider sind wir keine pressure-group und haben auch keinen Rehwinkel, der uns vertritt.“ Dierks, das Architektenpaar Wendland, Sozialreferent Ehlers sowie Statistiker aus den Studentenparlamenten argumentieren so: Berlins Baulandreserve gehört zum Teil der Bundesvermögensverwaltung. Bonn reserviert sie für Bauten, die im Falle einer Wiedervereinigung gebraucht werden. Kann man dieses Gelände nun nicht für eine „zwischenzeitliche Nutzung“ in den Dienst der studentischen Wohnwünsche stellen? Man kann, so trugen es im Janauer 25 Studierende Bundespräsident Lübke vor, auf diesem Baugrund Wohnheime bauen. Vor der Lübke-Unterredung waren sie zur Bundesbaudirektion und zum Berliner Bausenator gegangen. Bei Baudirektor Merz, Baurat Becker und Senatsbaudirektor Werner Düttmann fanden sie Zustimmung. Jawohl, Geld gäbe es, zum Beispiel ERP, Sondervermögen; Bauland sei ebenfalls vorhanden.

„In der vierstündigen Audienz in Schloß Bellevue haben wir dann den Bundespräsidenten am Portepee gefaßt und darauf hingewiesen, daß zum Beispiel der Hilton gebaut hat, die Bundesregierung sich dagegen lumpen läßt. Herr Lübke fand, daß man was machen müßte und forderte eine Denkschrift an.“ Außerdem ließ er sich über das erste von vier Projekten Vortrag halten, sicherte Prüfung und Unterstützung zu.

Die Amerikaner waren es gewesen, die die Hälfte aller Berliner Wohnheime bauen ließen. Vier Millionen Mark schossen sie allein für die 700 Plätze im Siegmundshofer Heim zu. Sie wollten damit auch deutsche Initiative wecken; „die schlief aber immer gleich wieder ein, wenn sie im Verhältnis eins zu eins nachgezogen hatte“, sagen die Bau-Studenten. Seit 1961 liegt nach ihrer Meinung der Staat auf der faulen Haut. Kein Wunder, daß die Studenten die Sache nun selber in die Hand nahmen. In Skandinavien etwa gehören die Wohnheime den Studenten. Dort gibt es auch, im Gegensatz zu Deutschland, private Stifter. Die Studenten wären durchaus bereit, der Öffentlichkeit vom bildungsfreundlichen Charakter des Spenders zu künden: „Man kann doch dranschreiben Neckermann-Haus oder Mercedes-Pavillon.“