Von Lutz Köllner

Fritz Baade: ... denn sie sollen satt werden; Stalling-Verlag, Oldenburg; 334 Seiten, 19,80 DM.

Nach seinem provozierenden Buche „Der Wettlauf zum Jahre Zweitausend“ legt der Verfasser, im Klappentext als „gefürchteter“ ehemaliger Direktor des bekannten Harmsschen Institutes für Weltwirtschaft in Kiel vorgestellt, ein weiteres Werk vor, dessen Inhalt sich wiederum mit dem Lieblingsthema dieses Gelehrten und Publizisten beschäftigt: der Malthusschen Bevölkerungsentwicklung unter modernen Industrie- und weltwirtschaftlichen Voraussetzungen. Nicht nur der der Bergpredigt entnommene Titel des Buches ist biblisch: Die Überlieferung von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren, von Josephs kluger Vorratspolitik und von uralten Hungerepochen der Menschheit, die im heutigen Indien und in anderen Strichen Asiens noch immer als Menschheitsgeißel auftreten, bilden den gleichsam alttestamentarischen Untergrund, auf dem der Autor ebenso geschickt wie gewissenhaft seine moderne Analyse des gegenwärtigen und des künftigen Hungers in der Welt anbietet. Die fundierten Kenntnisse des Bevölkerungswissenschaftlers und Agrarökonomen Baade, seine kosmopolitische Einstellung und seine weltweiten; Erfahrungen lassen seine Arbeit zwar streckenweise als routiniertes Spiel mit Tatsachen und angstvollem Gewissen erscheinen, doch an keiner Stelle wird diese profunde Untersuchung zum heute so beliebten Sachbuch im Reportagestil.

Malthus hatte behauptet, die Entwicklung der Bevölkerung verlaufe in geometrischer Reihe, die des Nahrungsmittelspielraumes hingegen lediglich in arithmetischer Reihe, so daß entweder Hungertod oder eine weitverbreitete asketische Lebensweise die Folge sein müßten. Die schwindelerregende Zunahme der Erdbevölkerung innerhalb zweier Generationen unseres Jahrhunderts auf vier oder bald danach, auf sechs Milliarden Menschen und der gleichzeitig weitverbreitete Hunger in der Welt gehört zweifellos zu denjenigen Erscheinungen der heutigen Weltwirtschaft, die fast notwendig die Kritiker jeglicher kapitalistischen Wirtschaftsgesinnung auf den Plan rufen müssen. Baade ist jedoch weit davon entfernt, nach Schuldigen einer diskrepanten weltwirtschaftlichen Entwicklung zu suchen, er möchte vielmehr die Möglichkeiten aufspüren, wie Millionen Hungriger satt werden können, ohne auf die Dauer ausschließlich auf fremde Hilfe angewiesen zu sein.

Schon die Vermehrung der europäischen Agrarproduktion seit den Forschungen Justus von Liebigs hatten das Malthussche Bevölkerungsgesetz über den Haufen geworfen, und folgerichtig fordert Baade für die agrarpolitisch „schwierigen“ Entwicklungsländer eine rationellere Bodenbewirtschaftung, Düngung, Flurbereinigung, eine sinnvoll dosierte Entwicklungshilfe, großzügige, übernational geplante Bewässerungsanlagen, ökonomischen Arbeitskräfteeinsatz und schließlich: Tourismus in sonnenreiche Gegenden als Devisenbringer. Zwar können auf diese Weise wahrscheinlich die weiter auseinanderbrechenden Wohlstandsunterschiede in der Welt häufig nicht überbrückt werden, aber der Hunger wird gebannt werden können. Der Verfasser möchte, trotz der wenig erfreulichen Erfahrungen beim Bau des Assuan-Dammes und dem Aufbau indischer Stahlwerke, die internationale Entwicklungshilfe über alle Ost-West-Konflikte koordinieren.

Mag sein, daß hier die Utopie beginnt, ein Wunschdenken, das eine friedliche Welt infolge eines alle politischen Fronten überspringenden koordinierten Entwicklungsplanes-sehen möchte an Stelle des bisherigen Wettlaufes von Ost und West um die Gunst der Entwicklungsländer. Sicherlich wird man dem Nationalökonomen Baade zustimmen müssen, wenn er den Titel des Buches schließlich abgeändert wissen möchte in die Formel: Sie sollen arbeiten, denn sie sollen satt werden. Weit bedeutungsvoller als die Malthusschen Bevölkerungsgesetze, die sich auf die lange Sicht ohnehin stets als falsch erwiesen, ist wohl die Gefahr, daß viele Entwicklungsländer sowohl ihre Chancen für eine breitflächige sozioökonomische Entwicklung übersehen als auch das Tempo ihrer wirtschaftlichen Entwicklung überschätzen.

Nach allem, was Soziographen und Statistiker aus den Entwicklungsregionen der Weltwirtschaft zu berichten wissen, wird es noch mindestens eine Generation dauern, bis allein die durch den Beginn der Industrialisierung ausgelöste Bevölkerungsexplosion verarbeitet sein wird, wenn man daran denkt, wie das Sozialprodukt von den Entwicklungsländern erstellt und verteilt werden soll. Baades Buch ist ein Beitrag ebenso zur Entideologisierung der Welternährungsfrage wie zur Reihe der auch von den Vereinten Nationen vorgelegten Pläne, in überschaubarer Zeit den quälenden Hunger für Millionen von Menschen zu lindern und schließlich zu beheben.