Noch ist lange nicht ausgemacht, ob überhaupt, in welcher Form und wieviele arabischen Staaten ihre wirtschaftlichen Beziehungen zur Bundesrepublik wirklich abbrechen werden. Völlig klar jedoch ist, wer die Leidtragenden einer solchen Entwicklung sein würden: Ägypten und seine arabischen Verbündeten. Wir haben keinen Grund, uns große Sorgen zu machen: die deutsche Wirtschaft würde den Verlust dieser Märkte ohne jede Erschütterung überstehen.

Der tobende Nasser, der vor aufgeputscht ten Fellachen finstere Verwünschungen gegen die Bundesrepublik ausstößt, degradiert sich allmählich selbst zur Karikatur eines Staatsmannes. Hofft er wirklich, irgend jemand könnte seine Drohungen ernst nehmen, er werde „den Deutschen den Ölhahn zudrehen und ihnen ein Drittel ihres Handels wegnehmen?“ Erdöl gibt es auf dem Weltmarkt im Überfluß, wir sind nicht auf Nasser angewiesen (der in seinem Land gar keine Ölquellen hat) – und was den Handel betrifft, so gehen noch nicht einmal zweieinhalb Prozent unserer Ausfuhr in die Staaten der Arabischen Liga.

Die Bundesrepublik gehört zu den besten Kunden der arabischen Länder. Wir beziehen vor allem Erdöl, Baumwolle, Südfrüchte, Erze und Phosphate – fast alles Waren, die wir ohne weiteres von anderen Staaten zum gleichen Preis erhalten könnten (Israel zum Beispiel wäre der Nutznießer, wenn uns die Araber keine Zitrusfrüchte mehr verkaufen wollten). 1964 haben wir für 2,9 Milliarden Mark im Nahen Osten eingekauft, fast doppelt so viel wie wir in dieses Gebiet exportiert haben. Wo wollen Nasser und seine Freunde einen Ersatz für einen so guten Devisenbringer finden? Woher will Syrien die 350 Millionen Mark für den Euphrat-Damm erhalten, woher Algerien, Marokko, der Irak und Jordanien Geld für bereits begonnene Industrialisierungsprojekte?

So also sieht die Realität aus: Die arabischen Länder, die mit Boykott drohen, brauchen uns – nicht wir sie. Nasser droht heute damit, unter Bruch aller Verträge das deutsche Eigentum in Ägypten zu beschlagnahmen und die ihm gewährten Kredite nicht mehr zurückzuzahlen. Nun, wir können Nasser nicht zwingen, sich wie ein Ehrenmann zu betragen und seine Schulden zu bezahlen, – wir können nur unsere Lehren ziehen und Entwicklungshilfe wie auch Kredite vorsichtiger gewähren. Aber man wird am Nil nicht ernsthaft glauben, daß man ein Land mit einem jährlichen Sozialprodukt von mehr als 400 Milliarden Mark durch den möglichen Verlust von 1 bis 1,5 Milliarden Mark erpressen kann.

Gewiß wäre der Verlust traditionsreicher Handelsbeziehungen sehr zu bedauern, die Beschlagnahme für einzelne Firmen sogar schmerzlich – obwohl die privaten Investitionen in Ägypten nur auf 20 Millionen Mark geschätzt werden. Behauptungen jedoch, „die Industrie“ habe in Bonn durch Minister Scheel und auf anderen Wegen zu einem weichen Kurs gedrängt, um nur ja keine Absatzeinbuße zu erleiden, sind falsch und ungerecht. Das Beispiel von Kurt Birrenbach, der seinerzeit als Abgeordneter im Bundestag für das Röhrenembargo gestimmt hat, obwohl dadurch die Interessen des von ihm vertretenen Thyssen-Konzerns geschädigt wurden, hat gezeigt, daß auch bei uns die Industrie bereit ist, die Staatsraison über geschäftliche Vorteile zu stellen.

Die Industriellen – wie jeder Staatsbürger – können jedoch erwarten, daß die Regierung weiß, was sie will: daß sie nicht ständig zwischen Nachgiebigkeit und Härte schwankt, sondern eine als notwendig erkannte politische Linie mit Geschick vertritt. An all dem hat es in Bonn in den letzten Wochen gefehlt: an Diplomatie, an Festigkeit, an Würde.

Diether Stolze