Fast jedermann hat heute so viel von produktivitätsorientierter Lohnpolitik gehört, daß ihm irgendwie unbehaglich ist, wenn die Löhne stärker steigen als die Produktivität. Im Grunde genommen sieht die Rechnung doch – wenigstens scheinbar – ganz einfach aus. Zu erwarten ist, daß die Produktivität (gemessen als Produktionsergebnis je Arbeitsstunde in konstanten Preisen) im Jahre 1965 um etwa fünf Prozent höher liegen wird als im vergangenen Jahr. Diese Zahl muß nicht ganz richtig sein, niemand ist ein Prophet; doch kann man gerade bezüglich der Produktivitätssteigerungen in nächster Zukunft sicherer sein als bei vielen anderen Vorausberechnungen.

Vorauszusehen ist ferner, daß die Zahl der Beschäftigten in absehbarer Zeit nur noch wenig wächst, die Zahl der Arbeitsstunden je Beschäftigten eher abnimmt. Wenn daher die fünf Sachverständigen geschätzt haben, daß das reale Inlandsprodukt, das heißt etwa das Güterangebot, im ersten Halbjahr 1965 um 4,5 Prozent höher liegen wird als im ersten Halbjahr 1964, so kann man sich zwar um die Kommastelle streiten: im großen und ganzen dürfte diese Entwicklung eintreten, wenn nichts ganz Unerwartetes geschieht. Ebenso kann man kaum sehr fehlgehen, wenn man eine ähnliche Entwicklung für das ganze Jahr 1965 annimmt.

Aus dieser Zahl wird nun gefolgert: Wenn das Gesamtangebot nur etwa um 4,5 bis 5 Prozent steigt, darf auch die Nachfrage nicht stärker steigen, sonst steigen die Preise. Folglich dürfen auch die Löhne, aus denen ja ein wesentlicher Teil der Nachfrage kommt, nicht stärker steigen. Tariferhöhungen, die über diese Richtzahl hinausgehen, wirken inflatorisch, müssen mithin vermieden werden

Vertreter dieser These berufen sich in den letzten Wochen vornehmlich auf das Gutachten der erwähnten Sachverständigen. Sie haben recht: in Ziffer 235 und vor allem 248 des Gutachtens steht eine These dieser Art, wenn auch etwas modifiziert. Und doch haben sie nicht recht; denn sie tun etwas, was man bei der Lektüre solcher Gutachten nicht tun sollte: Sie lesen genau die Stelle des Gutachtens, die ihnen für ihre These gefällt, und übersehen, daß in dem Gutachten noch eine ganze Menge anderes steht, was sachlich dazugehört.

Wichtig ist hier nämlich vor allem, daß die volkswirtschaftliche Gesamtnachfrage keineswegs allein aus den Löhnen kommt. Neben den Lohnempfängern entfalten die Empfänger sonstiger Masseneinkommen (Renten, Pensionen) und die Selbständigen Konsumgüternachfrage; auch der Staat und die Investoren treten als Nachfrager auf; und falls wir einen Handelsbilanzüberschuß haben, entnimmt auch das Ausland mehr Güter, als es im Wege des Imports wieder zuführt.

Von diesen übrigen Nachfragern können wir zur Zeit das Ausland vernachlässigen; die westdeutschen Handelsbilanzüberschüsse sind im Augenblick eher im Sinken als im Steigen begriffen (mit dieser Voraussage können wir uns freilich sehr irren, wie sich bei der Vorausschätzung 1964 besonders deutlich, damals umgekehrt, gezeigt hat). Die Nachfrager aus Renten und Pensionen wollen wir, zuungunsten unserer Argumentation, als abhängig von der Lohnentwicklung betrachten, obwohl dazu noch manches zu sagen wäre. Vom Staat, von den Investoren und von den Einkommen der Selbständigenhaushalte aber, die zusammen mindestens die Hälfte der Gesamtnachfrage stellen, kann man die Parallelität zur Lohnentwicklung jedenfalls in dieser Form nicht behaupten.

Gerade zu der Nachfrage des Staates und der Investoren haben nun die Sachverständigen auch einiges gesagt, und inzwischen hat sich weiteres gezeigt. Die Länderhaushalte steigen im Volumen um mehr als fünf Prozent. Der Bund hat zwar an der – von vornherein problematischen – Richtzahl von 63,9 Milliarden für seinen Haushalt formal festgehalten; doch haben sich gerade in jüngster Zeit die Relationen innerhalb dieser Größe so verschoben, daß die darin steckende effektive Güternachfragesteigerung wesentlich mehr als fünf Prozent betragen dürfte. Aus manchen Daten, so den Auftragseingängen der Investitionsgüterindustrien, läßt sich, trotz einer Beruhigung in den letzten Monaten (die einer Steigerung im Frühjahr zu weichen pflegt) entnehmen, daß die Nachfragesteigerung der Investoren die Richtzahl ebenfalls weit überschreitet. Die Sachverständigen schätzen die Zunahme des Staatsverbrauches auf 9,5, die der Bauinvestitionen auf 7, der Anlageinvestitionen auf 10 Prozent; alles für das erste Halbjahr 1965 im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum.