Jedem Kind seine eigene Bibliothek“ ist der Wahlspruch des „Kinder- und Jugendbuchclub Domino“, der unterdessen rund zwanzig Bände – Paperback, besonders gelungene und bei aller Verschiedenheit stilistisch einheitliche Titelbilder, DIN-A-5-Format, 120 bis 180 Seiten – vorgelegt hat. So funktioniert der Club, „eine überparteiliche und überkonfessionelle Eltern- und Erziehervereinigung“: jedes Kind zahlt 2,50 DM im Vierteljahr und kann sich pro Jahr aus den 16 Titeln mindestens vier aussuchen. Wenn es mag, kann es gegen abermals 2,50 DM pro Titel auch mehr bestellen.

Die Kennzeichnung nach Altersgruppen, die vor ein paar Jahren von den Kinder- und Jugendbuchverlagen ausgearbeitet, aber nur selten angewandt worden ist, wird ziemlich strikt befolgt. Ein Punkt bedeutet: Lesegruppe 1, der die Drei- bis Sechsjährigen angehören. Zwei Punkte: 6 bis 9 Jahre. Drei Punkte: 9 bis 12 Jahre. Vier Punkte: „für junge Menschen“, also ab 12 Jahre.

Idee und Methode sind klar, einfach und begrüßenswert. Die alte Schwierigkeit, mit der auch die Kinder-Taschenbuchverlage zu kämpfen haben, ist die relative Knappheit an geeigneten Titeln.

Gute Jugendliteratur ist immer noch rar, und daß der gute Wille, anständige Bücher für Kinder zu publizieren, größer ist als die Fähigkeit, guten Autoren anständige Honorare zu zahlen, ist ein Thema für sich. Auf jeden Fall hat es zur Folge, daß man bei 16 Titeln pro Jahr entweder nachdrucken muß (dann enttäuscht man die Kinder, die „ihr“ Clubbuch schon haben oder kennen) oder gezwungen wird, Füller zu bringen.

So waren die ersten drei oder vier Titel Neuauflagen mittelguter Jugendbücher aus deutschen und österreichischen Verlagen. So ist die Qualität und damit die Auswahl des zweiten Jahres gemischt: ein „Märchenbuch“ (Hauff, Andersen, Grimm, Bechstein) mit so Bekanntem, daß man eigentlich denken müßte, jedes Kind hätte es bereits in dieser oder jener anderen Ausgabe; „ABC, die Katze lief im Schnee“, Ammenreime, die schon vorsichtigerweise ohne Punktierung herausgebracht worden sind, weil Sammlungen dieser Art fast schon ins Vor-Sprechalter und damit immer eher in die Elternbibliothek gehören. Dann gibt es die üblichen gesammelten „Tiergeschichten“; gesammelte Kasperlestücke; gesammelte Hörspiele, die nun wiederum das Problem der Alterspunkte charakterisieren: sie haben 4 Punkte (ab 12), sind aber vermutlich erst Sechzehnjährigen vollkommen angemessen; schließlich gesammelte Texte verschiedener Gattung, Gedichte, Märchen, Lieder, Reisereportagen, Fabeln, Tiergeschichten und anderes mehr, „Kinderkaleidoskop“ genannt. Darin erschien es der Herausgeberin wichtig, einige Autoren vorzustellen. Wenn man auch nichts gegen eine abermalige bunte Auswahl sagen will, so muß man etwas gegen Formulierungen wie diese sagen: „Oscar Wilde lebte bis 1900 in London. Er hat viele komische Theaterstücke geschrieben...“ Oder: „Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach lebte von 1830 bis 1916. Ihre Erzählungen sind voll gültigem Humor und lebhaftem sozialem Mitgefühl.“ Oder: „Stefan Zweig ist 1881 in Wien geboren und wurde durch seine faszinierenden Biographien berühmter Männer und Frauen weitbekannt.“ Das reicht nicht nur selbst für Kinder nicht aus, es ist zudem gerade voll von jeher fürchterlichen Kindertümlichkeit, die alles nur verzerrt und die die deutsche Kinderliteratur Gott sei Dank hinter sich zu lassen beginnt.

Die Zahl der Romane im jährlichen Dominoangebot ist gering und bis jetzt noch nicht von jener Güte, die als Basis für eine Kinder- oder Jugendbibliothek und damit als Basis für künftige Geschmacks- und Wertentfaltung dienen könnte. Sybil Gräfin Schönfeldt