FÜR das zweite Märchen-Alter

„Märchen deutscher Dichter“, herausgegeben von Paul-Wolfgang Wührl; Insel-Verlag, Fankfurt; 800 S., 20,– DM.

ES ENTHÄLT Christoph Martin Wieland: Die Geschichte des Prinzen Biribinker; Johann Wolfgang Goethe: Das Märchen; Wilhelm Heinrich Wackenroder: Ein wunderbares morgenländisches Märchen von einem nachten Heiligen; Novalis: Das Märchen von Hyazinth und Rosenblütchen; Novalis: Klingsohrs Märchen; Clemens Brentano: Von dem traurigen Untergang zeitlicher Liebe; Eduard Mörike: Die Hand der Jezerte; Carl Wilhelm Salice Contessa: Magister Rößlein; Friedrich de la Motte Fouqué: Eine Geschichte vom Galgenmännlein; Achim von Arnim: Die drei liebreichen Schwestern und der glückliche Färber; E. T. A. Hoffmann: Der Goldene Topf Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte; Wilhelm Hauff: Das kalte Herz; Eduard Mörike: Das Stuttgarter Hutzelmännlein; Gottfried Keller: Spiegel das Kätzchen; Theodor Storm: Die Regentrude; Karl Immermann: Die Wunder im Spessart; Joseph von Eichendorff: Libertas und ihre Freier; Alfred Döblin: Märchen vom Materialismus; Ludwig Tieck: Der Runenberg; E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann; Hugo von Hofmannsthal: Geschichte des Kaufmannssohnes und seiner vier Diener; Franz Werfel Der Dschin; dazu einen Kommentar des Herausgebers, in dem ebenso viel Wissen wie Arbeit steckt und in dem er die mannigfachen Erscheinungsformen des deutschen Dichtermärchens (zurecht weist Wührl auf den pejorativen Beigeschmack hin, den das Wort „Kunstmärchen“ hat) in ihre literarhistorischen Zusammenhänge einordnet.

ES GEFÄLLT zunächst aus einem recht prosaischen Grund: weil hier einmal das Gros der Gattung in einem Band versammelt ist. Dem Dichtermärchen aus eigenen Stücken auf die Spur zu kommen, ist nämlich ein mühseliges Geschäft: Um den „Prinzen Biribinker“ zu entdecken, muß man erst einmal den Roman „Don Sylvio von Rosalva“ durchblättern, von „Klingsohrs Märchen“ muß man wissen, daß es im „Heinrich von Ofterdingen“ steht (und wer läse den schon freiwillig...), „Das kalte Herz“ ist ein Teil des „Wirtshaus im Spessart“ und so fort. Daß das Märchen, auch ohne es gleich mit dem Namen Grimm zu identifizieren, durch alle Zeiten und Wandlungen hindurch eine eminent deutsche literarische Ausdrucksform war und ist, das ist eine Einsicht über die Bequemlichkeit des Sammelbandes hinaus.P. K.