Stippvisiten für Eilige in deutschen Städten (2)

Diese Geschichte machte vor einiger Zeit in Frankfurt die Runde: Ein altes Auswandererehepaar, das die Rhein-Main-Metropole vor vielen Jahren verließ, kam zum Besuch in die Heimat zurück. Es ging durch die Straßen, stolperte über Baustellen, verirrte sich im Labyrinth anonymer Hochhauszeilen und suchte vergeblich die Stätten der Erinnerung, die verwinkelten Gassen der Altstadt, die stillen Oasen verträumter Parkwinkel. Da kamen den beiden Alten Zweifel. Und sie gingen zu einem Verkehrsschutzmann und fragten ihn: „Wie heißt denn die Stadt, in der wir uns gerade aufhalten?“

„Das wissen Sie nicht?“ entgegnete der. „Sie sind hier natürlich in Chicago.“

„Siehst du“, meinte daraufhin die alte Frau zu ihrem Mann, „ich habe doch gleich gesagt, daß du die falsche Fahrkarte gelöst hast.“

Damit sei angedeutet, daß Frankfurt unter den Großstädten der Bundesrepublik die „amerikanischste“ ist. In Frankfurt, so sagt man, vermißten die Amerikaner in Deutschland am wenigsten ihre Heimat. Vielleicht kommen sie gerade deshalb so gern an den Main? Will man wirklich noch „frankforderische“ Laute hören und die Gemütlichkeit finden, die im Kursbuch der landschaftlichen Eigenarten einmal mit großen Buchstaben geschrieben stand, muß man sich auf die andere Seite des Mains begeben, in den Stadtteil Sachsenhausen. Nur hier steht die Tradition noch auf festen Beinen, und nur hier singt man noch die „Nationalhymne“ der Stadt, das Lied von der Frau Rauscher, die eine Beule am Kopf hat. Im Dialekt klingt das freilich anders: „Die Fraa Rauscher aus der Klappergass, die bot e Beul am Ei...“

Sachsenhausen ist für Frankfurt so typisch wie Schwabing für München. Hier liegen die charakteristischen Lokale mit dem Fichtenkranz über der Eingangstür, in dessen Mitte der „Bemel“ hängt, der Apfelweinkrug. An blankgescheuerten Tischen wird hier das Frankfurter Getränk, der Äppelwoi getrunken, der dem Fremden entweder gar nicht schmeckt oder erst nach dem dritten Glas zu munden beginnt, und nur hier wird der „Handkäs’ mit Musik“ (Harzer Käse mit kleingehackter Zwiebel und Essig) serviert.

Seit der Fernsehunterhalter Höpfner den Äppelwoi mit seiner Sendung „Zum blauen Bock“ populär gemacht hat, ist es schwer, in den Lokalen der Großen Rittergasse, in der Klappergasse und in der Kleinen Wallstraße noch einen freien Platz zu bekommen. Im „Grauen Bock“, beim „Klaane Sachsehäuser“, im „Kanonensteppel“ und bei der „Atschel“, um nur einige der bekannten Gaststätten zu nennen, ist heute die große Welt zu Gast und preist die Frankfurter Gastfreundschaft.