Von Walter Koenig

Pierre de Coubertin im Jahre 1906: „... Nicht der Zufall war es, der einst Schriftsteller und Künstler in Olympia versammelte und um die antiken Sportzweige herum gruppiert hatte. Dieser unvergleichlichen Versammlung verdankte die Einrichtung ihr Prestige, von dem sie so lange zehrte. Da ich nicht die Form, sondern das Prinzip dieser tausendjährigen Einrichtung wieder neu erstehen lassen wollte, da ich in ihr für mein Land und für die Menschheit eine wieder notwendig gewordene pädagogische Orientierung sah, müßte ich versuchen, die mächtigen Pfeiler wiederherzustellen, die sie einst gestützt hatten: den intellektuellen, den moralischen und in gewissem Sinne auch den religiösen Pfeiler. Ihnen gesellte die moderne Welt zwei neue hinzu: technische Vervollkommnungen und den demokratischen Internationalismus...“

Diese Gedanken führten zum Entschluß Coubertins in diesem Jahre, eine „beratende Konferenz für Kunst, Wissenschaften und Sport“ einzuberufen. Das Ergebnis war positiv: Die Konferenz schlug dem Internationalen Olympischen Komitee vor, künftig bei Olympischen Spielen „fünf Wettbewerbe in Architektur, Bildhauerei, Malerei, Literatur und Musik“ einzurichten,

Der Schachzug entsprach der Schlauheit des Franzosen. Hätte das IOC von sich aus künstlerische Wettbewerbe in das olympische Programm aufgenommen, wäre es wohl der Lächerlichkeit verfallen. So aber tat es eine damals zum Teil recht berühmte Künstlerschar. Damit war das IOC, genauer: sein Gründer gerechtfertigt. Er selber verankerte diese kulturelle Neuerung in der damaligen Regel 31 des IOC, aber er war sich dabei bewußt, welche Schwierigkeiten diesem Unternehmen in der Praxis der Spiele gegenüberstanden. In seinen späten Tagen äußerte sich Coubertin über das Verhältnis des Sports zur Kunst unter anderem so: Es sei vorläufig noch so wie in mancher unerfreulichen Ehe: keiner der beiden Partner kümmere sich wirklich um den anderen.

Immerhin brachte es Coubertins Tatkraft zustande, daß mehrmals olympische Kunst-Wettbewerbe auf den genannten fünf Gebieten abgehalten wurden, und zwar: 1912 in Stockholm, 1920 in Antwerpen, 1924 in Paris, 1928 in Amsterdam, 1932 in Los Angeles, 1936 in Berlin und 1948 in London. Aber sie standen allzusehr im Schatten der athletischen Ereignisse. Die Öffentlichkeit nahm von ihnen nur wenig Notiz.

Deutsche Künstler waren bei diesen Bemühungen nicht ohne Erfolg geblieben, auch wenn sie in den Jahren 1920, 1924 und 1948 aus politischen Gründen von der Teilnahme ausgeschlossen waren. Wenigstens die Namen der mit Goldmedaillen ausgezeichneten deutschen Preisträger seien ins Gedächtnis zurückgerufen:

Architektur: 1928 Adolf Hensel (städtebaulicher Entwurf Stadion Nürnberg). – 1936 Werner March und Walter March (Reichssportfeld Berlin).