Von Jan Kurzok

Der polnische Publizist und Parlamentsabgeordnete Stefan Kisielewski richtete in einer Glosse, die er letzte Woche in der katholischen Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ veröffentlichte, einen leidenschaftlichen Appell an die polnische Jugend. Er fordert sie auf, endlich mit dem Selbstmitleid aufzuhören, er beschwor sie, sich nicht immer „auf die Alten zu verlassen“, sondern selbst etwas zur Verbesserung ihrer Lage beizutragen. Es sei an der Zeit, so schreibt er, daß sich gerade die jüngste Generation, die doch schon im Zeitabschnitt der sogenannten „kleinen Stabilisierung“ erzogen wurde, auf ihre Aufgaben besinne. Er schreibt:

„An diese Generation appellieren alle: die Katholiken, die Marxisten und Leszek Kolakowski. Und was macht sie? – Sie reibt sich die Augen, sieht sich vielsagend um und behauptet, sie sei ‚frustriert‘.“ Voller Mitleid und Rührung, so meint Kisielewski, schrieben alle möglichen Leute Bücher und traurige Gedichte über die mißverstandene Jugend. Wo man hinhöre, werde sie wegen „Alienation“, wegen „Entfremdung“ bedauert.

„Zum Teufel noch einmal, warum bemitleidet mich denn niemand?“, fragt empört der polnische Publizist. „Ich schlage mich hier auf dieser Erdkruste seit einigen Jahrzehnten herum, habe dabei ganz schön eins auf die Ohren bekommen, erlebte nacheinander drei verschiedene Polen; was ich auch immer begann, nie wurde etwas Rechtes daraus; alles, was ich plante, holte der Teufel... Dennoch bin ich gar nicht entmutigt oder gar ‚frustriert‘, im Gegenteil. Ich reiße mich darum, weiter zu kämpfen, zu diskutieren, Veränderungen herbeizuführen. Ich glaube an dies und jenes, ich glaube aber nicht an die ewig dauernde Allmacht der Dummheit und stecke voller Pläne. Was aber tun jene ‚Frustrierten‘?“

Einem „Rührung erweckenden Mittzwanziger“, der seine bedauerliche Lage beklagte, weil er nicht wisse, „wie sich einstellen und worauf sich stützen“, habe er den Rat gegeben, sich daranzumachen, die ihn umgebende Wirklichkeit zu verändern und diese nicht immer als eine tragische, unveränderliche Gegebenheit anzusehen. Offenbar aber sei das zuviel verlangt gewesen: „Um Gottes willen – er wartet doch nur darauf, daß wir ihm etwas verändern, erkämpfen, damit er sich ins Fertige setzen kann. Ansprüche haben die – ye, ye, ye!“

Nachdem Kisielewski das Hohe Lied der Vernunft angestimmt hat, fordert er von der Jugend, sie möge „bei jedem Schritt einen rücksichtslosen Kampf gegen den Unsinn führen“, und fährt dann fort: „Bei uns ist die Überzeugung aufgekommen, der Unsinn sei irgendein Tabu, ein unberührbar, unantastbar Ding, worüber man nur seufzen und klagen kann.“ Mehr lasse sich nicht tun. Diesen Glauben an die Determination verbreiteten namentlich jene „jungen Großväter“, die wohl ein Gedicht, einen Einakter oder eine Erzählung über dieses Thema schreiben könnten, es aber nicht fertigbrächten, sich jemandem zu widersetzen, etwas zu reformieren oder zu verändern.

Darum: „An die Arbeit, ihr Faulpelze, ihr Melancholiker und Hamlets, die ihr einen Beruf daraus macht, keine Verantwortung auf euch zu nehmen! In 30 Jahren wird es keinen von uns mehr auf diesem Platz geben, und Polen wird dann so werden, wie ihr es wollt. Ihr müßt aber beginnen, schon jetzt zu wollen. Es gibt verschiedene Wege des Wollens: Ich selber schwankte mein Leben lang zwischen dem Geist der Opposition (zur Zeit gibt es bei uns keinen offiziellen Kult der Opposition als einer ständigen Erscheinung; es fehlt an den entsprechenden Formen, aber das kommt wieder – auf der Welt kommt alles wieder), also zwischen dem Geist der Opposition und einem positiven „Konstruktivismus“, bis mir am Ende falsch orientierte Menschen imstürzlerische Tätigkeit vorwarfen. Aber auch das ist gut: Seid wenigstens umstürzlerisch, seid irgend etwas! Euch wird die Welt gehören, aber mit Alienation und Frustration werdet ihr sie sicher nicht gestalten können“.

Der Appell an die Jugend endet mit folgendem Propos: „Ich bin sogar bereit, die Verantwortung für all das dumme Zeug, das meine Generation anrichtete – obwohl ich nicht allein an allem schuld bin – zu übernehmen, wenn ihr euch dafür bereit erklärt, die Verantwortung für die kommende Welt zu tragen.“