Zwei Bücher versuchen der DDR gerecht zu werden

Von Heinrich A. Winkler

Studien und Materialien zur Soziologie der DDR. Herausgegeben von Peter Christian Ludz; Westdeutscher Verlag, Opladen, 1964; 540 Seiten, kartoniert 29,50 DM. Ernst Richert: Das zweite Deutschland; Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh, 1964; 341 Seiten, 16,80 DM.

Mit der Bezeichnung fängt es an: ist das Territorium zwischen Elbe-Werra-Fulda und Oder-Neiße, abzüglich des westlichen Berlin, weiterhin die „sowjetisch besetzte Zone“, welches Interesse könnten gesellschaftliche und politische Veränderungen in diesem Teil Deutschlands eigentlich beanspruchen? Der Abzug der Roten Armee müßte genügen, um die Bevölkerung der Bundesrepublik auf 70 Millionen anwachsen zu lassen. Die Uhren könnten zurückgestellt werden auf den 29. Januar 1933; die „pluralistische Gesellschaft“ hätte 107 000 Quadratkilometer Boden gewonnen. Es scheint indes nicht so, als ob dies der Lauf der Geschichte sei. Seit einiger Zeit mehren sich darum auch im westlichen Teil Deutschlands Stimmen, die ein differenzierteres Verständnis der Beziehungen zwischen Bevölkerung und Regime in der DDR fordern und nicht zuletzt in dieser Absicht jenes Gebilde beim selbstgewählten Namen nennen. Der demokratische Anspruch, den dieser einschließt, wird damit nicht gestützt: er kann auf der terminologigischen Ebene ebenso außer Betracht bleiben wie der christliche, den hierzulande Parteien erheben, ohne deswegen gleich das Beiwort „sogenannt“ zu erhalten.

Sozialer Wandel auch in der DDR

Der bisher umfassendste Versuch, die soziale Wirklichkeit des östlichen Deutschland darzustellen – das von Peter Christian Ludz unter dem Titel „Studien und Materialien zur Soziologie der DDR“ herausgegebene achte Sonderheft der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“ – nimmt unter den Ansätzen zu einer sachgerechten Analyse der DDR einen besonderen Platz ein: es ist das erste Werk, das mit streng wissenschaftlichen Mitteln, in bewußter Unterscheidung von politischen Werturteilen und Sachaussagen, das ostdeutsche Gesellschaftssystem als Ganzes untersucht. Der thematische Bogen umgreift Veränderungen der Berufs- und Beschäftigtenstruktur, die Familienpolitik der Sozialistischen Einheitspartei, den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund als Massenorganisation, die Rolle der Frau in der industriellen Produktion, die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der „Produktionsberatungen“, Probleme von Bildung, Forschung und Wissenschaft sowie den Funktionswandel der marxistisch-leninistischen Ideologie. Vieles von dem, was die Autoren als Ergebnis sorgfältiger Nachforschungen vorlegen, ist von unbefangenen Beobachtern auch schon vorher vermerkt worden: der Rückzug ins Private und Familiäre als Reaktion auf staatlichparteiliche Gängelung, die Tendenz zur Verwissenschaftlichung des Produktionsprozesses und damit zu einem begrenzten Vorrang ökonomischer Gesichtspunkte vor solchen der Ideologie, die teilweise Emanzipation empirischer Sozialforschung von den Lehrsätzen des dialektischen und historischen Materialismus und anderes mehr.

Für den sozialen Wandel erscheinen die Auswirkungen des „Prinzips der materiellen Interessiertheit“ von besonderem Gewicht. Durch die mit Titelverleihungen verbundenen materiellen und sozialen Vorteile ergibt sich eine soziale Differenzierung, die in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden darf (H. Zimmermann). Im Zusammenhang mit dem „Neuen ökonomischen System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ zeichnen sich hier Veränderungen in der Sozialstruktur ab, die auf lange Sicht den politischen und ideologischen Überbau nicht unberührt lassen können. Inwieweit angesichts des Rückgangs terroristischen Drucks die DDR heute überhaupt noch als „totalitär“ bezeichnet werden kann, ist die dem gesamten Werk zugrundeliegende Frage.