Von Peter Hamm

In diesem Jahr könnte er seinen sechzigsten Geburtstag feiern. Doch 1937 warf sich Attila József, ausgehöhlt vom Hunger und verfolgt von den geschändeten Träumen seiner Jugend, vor einen Güterzug. Der geschrieben hatte: "Vielleicht wie eine Tierspur in den Wäldern / werd ich auf einmal gänzlich verschwinden", gilt heute schon der Welt als Ungarns bedeutendster Lyriker nach Petöfi und Ady. Bloß hierzulande war sein Name bis vor kurzem nur im Zusammenhang mit Illustriertenberichten über das heutige Ungarn zu lesen; im Lande Kadars nämlich trägt jede zweite Schule oder Straße den Namen dieses Dichters.

Enzensberger war bei uns der erste, der auf József aufmerksam machte; für sein "Museum der modernen Poesie" mußte er die Jözsef-Gedichte freilich noch einer DDR-Publikation entlehnen –

Attila József: "Am Rande der Stadt", ausge-Fühmann, Peter Hacks, Stephan Hermlin u. a.; Verlag Volk & Welt, Berlin (Ost); 80 Seiten, 4,50 DM.

Inzwischen ist ein Band mit Übersetzungen auch diesseits der Mauer erschienen, wenngleich nicht in Westdeutschland, sondern in der Schweiz –

Attila József: "Am Rande der Stadt", ausgewählte Gedichte, aus dem Ungarischen von Alexander Gosztonyi; Tschudy-Verlag, St. Gallen; 112 S., 13,80 DM.

Dieses Buch enthält vierzig, der DDR-Band fünfunddreißig Gedichte. Nur acht Gedichte überschneiden sich und fordern zu einem Vergleich der Übersetzungen heraus, der zweifelsohne zugunsten der des Ungarischen unkundigen DDR-Dichter ausfällt, die mit Hilfe von Interlinear-Übersetzungen (und kritischen Hinweisen ungarischer Kollegen) ihre Nachdichtungen erstellten, hierin übrigens dem Vorbild der 1955 erschienenen französischen József-Ausgabe folgend, die unter anderem Übertragungen von Cocteau, Eluard, Tzara, Aragon und Vercors enthielt und den Weltruhm des Dichters begründete. Diese Methode der Eindeutschung ist schon durch die Tatsache gerechtfertigt, daß die ungarische Sprache mit keiner anderen Westeuropaischen verwandt und in ihrer grammatischen Struktur kaum übersetzbar ist. Gosztonyis Übertragungen werden nicht zufällig umständlicher und schwerfälliger, je näher sie sich an die Originale heranzutasten versuchen. Man vergleiche nur einmal die beiden Übersetzungen von Józsefs Jugendgedicht "Die künftigen Menschen". Schon der Titel lautet bei Gosztonyi, wenig präzis, "Die künftigen Männer", und wo Hermlin sagt: "Sie werden Kraft und Zartheit sein", heißt es bei Gosztonyi umständlich: "Sie werden die Kraft und die Milde sein"; Gosztonyi behauptet: "Sie aber warten immer auf unverhoffte Gäste", was nicht sehr glaubwürdig ist, Hermlin übersetzt dagegen, um eine Nuance realistischer: "Immer sind sie bereit für den unerwarteten Gast." Ähnliche Beispiele ließen sich häufen.