Wir haben es in der Schule gelernt: Von selbst kann ein Körper seine Geschwindigkeit nicht ändern, er tut es nur, wenn eine Kraft auf ihn einwirkt. Newton hat das so plausible "Trägheitsgesetz" formuliert, demzufolge zum Beispiel eine Kugel, die man auf einer glatten, ebenen Bahn ins Rollen bringt, solange weiterrollt, bis sie jemand – eben mit seiner Kraft – aufhält.

Doch als wir in der letzten Woche erfuhren, daß Oberstleutnant Alexej Leonow sein fliegendes Raumschiff vorübergehend verlassen hat, daß er ganz einfach ausstieg ins Nichts, dort ein paar Purzelbäume schlug und nach einer Viertelstunde wieder in die Wos-chod-Kapsel zurückkroch, da entglitt uns die simple Ratio des Newtonschen Gesetzes. Aussteigen während der Fahrt? Das ist doch schon bei dreißig Stundenkilometern Selbstmord. Und nun bei 30 000?

Als das Raumschiff mit der achtundzwanzigfachen Schallgeschwindigkeit dahinraste, bewegte sich alles, was in und an ihm war, jede Schraube, der Pilot Beljajew, die Tuben, aus denen die Kosmonauten ihr Frühstück drückten und eben auch Leonow mit dem gleichen Tempo. Und dieses Tempo behielt er nach dem Trägheitsgesetz bei, als er ausgestiegen war, denn es wirkte ja keine Kraft auf ihn ein – genauer gesagt, keine andere als diejenige, die schon im Raumschiff auf ihn und seine Umwelt wirksam war: die Schwerkraft der Erde, die das Schiff zwang, auf einer elliptischen Bahn den Globus zu umrunden.

Es hatte sich also – durch das Aussteigen – für Leonow physikalisch nichts geändert, er war halt auch ein Satellit der Erde und daher den gleichen Gesetzen unterworfen wie der Mond, wie die Sputniks und Telstars. Unglaublich erscheint uns dies alles nur, weil wir in der lufterfüllten Umwelt auf der Erde leben. Wer aus einem Flugzeug springt, behält die Geschwindigkeit deshalb nicht bei, weil auf ihn sofort eine gewaltige Kraft einwirkt, der Luftwiderstand. In 300 bis 400 Kilometer Höhe aber gibt es so gut wie keine Luft. Außerdem fällt der todesmutige Flugzeugspringer zur Erde, denn er ist nicht schwerelos wie ein erdumkreisender Astronaut.

Die Schwerelosigkeit, die seit Gagarins erster Erdumkreisung bislang 17 Weltraumfahrer erfahren haben, ist für uns Erdgebundene nicht recht vorstellbar, obwohl wir die beiden Kräfte, deren Zusammenwirken diesen Zustand beim Satellitenflug hervorruft, sattsam kennen: die Schwerkraft, die uns auf dem Boden hält und die Zentrifugalkraft, die unser Auto aus der Kurve schleudern kann.

Wenn ein Gegenstand nur schnell genug um die Erde saust – wie schnell, das hängt von der Höhe ab, da sich die Schwerkraft mit der Entfernung von der Erde verringert –, dann kompensiert die Zentrifugalkraft die Erdanziehung. Das Resultat ist jener Zustand des Schwebens, den wir beim Schwimmen ein wenig nachempfinden können, aber auch nur ein wenig. Die Kompensation der beiden Kräfte wirkt auf ein Stück Papier im Raumschiff ebenso wie auf den Kosmonauten und auch auf die Flüssigkeit in seinem Gleichgewichtsorgan, der Schnecke im Innenohr. Deswegen gibt es für den menschlichen Satelliten kein "oben" und "unten", und wenn er Kobolz schießt, meint er, Erde und Gestirne wirbeln um ihn.

Raumfahrer haben "keinen Boden unter den Füßen", deshalb war die Situation für Leonow auch nicht sehr verändert, als er sich außeihalb des Gefährts befand. Allerdings hatte er jetzt bedeutend mehr Bewegungsraum, und hier erlebte er eine eindrucksvolle Demonstration der Newtonschen Bewegungsgesetze. Diese setzen nämlich just den von keiner äußeren Kraft gestörten "idealen" Zustand voraus, in dem sich Leonow befand. Es genügt ein leichter Fingerdruck an die Außenwand der Kapsel, und der Kosmonaut schwebt unaufhaltsam davon – "von selbst kann ein Körper seine Geschwindigkeit nicht ändern ..." sagt Newton. Leonow ist diese makabre Bestätigung der Wissenschaft nicht widerfahren, er war mit einer Leine an sein Schiff angebunden.