Liebe Tochter,

vorab eine sehr aktuelle Nachricht: die Welt wird untergehen. Vorgestern abend konnte ich gar nicht recht einschlafen, nachdem ich es erfahren hatte. Dein Bruder beschäftigt sich neuerdings mit Astronomie. Ganz gemütlich teilte er uns nun mit, daß man die Energiemengen der Sonne ziemlich genau errechnet habe. Sie verbrauchen sich. Verstehst Du? Die Sonne verbrennt. Das tut sie schon lange und nun noch etliche Milliarden (?) Jahre. Aber eines schönen Tages ist sie alle, unsere Licht- und Wärmequelle. Tjä, un denn, würde Deine Hamburger Cousine fragen? Tjä un denn ist es auch mit dem Leben auf dieser Erde aus und vorbei – so wie derzeit bereits auf unserem guten Mond, er geht so stille.

Ich finde das eine atemberaubende Feststellung. Also „time must have a stop“, Shakespeare hat doch recht. Und die Bibel sowieso, Offenbarung des Johannes ... Aber – so wiederum Dein physikalischer Bruder – auch die Entstehung des Lebens gemäß Schöpfungsgeschichte wird von modernen Forschungsergebnissen bestätigt. In sechs Kalendertagen freilich kann wohl nicht alles programmiert worden sein. Aber „Tage“ wessen?

In sechs Tagen Gottes schon eher. Wie am Anfang ein Wort war, das Wort, mag auch am Ende eines sein – welches?

Tochter, ich kann mir nicht helfen: die Gewißheit, die wissenschaftliche, daß all der Unfug des Lebens ein sicheres Ende hat – wenigstens soweit unser Sonnensystem in Betracht kommt – beruhigt mich ungemein.

Melancholie, griechisch „Schwarzgalligkeit“, vergiftete in letzter Zeit manchmal den Tag und träumerisch auch die Nächte Deines alten Vaters. Mußte ihm doch zu Ohren kommen, daß es so etwas wie Anti-Krähwinkler gibt. Schnöde Asphaltköpfe scheinen das zu sein, die keine „Deutschen Kleinstädter“ mögen, seien sie nun von August von Kotzebue, dem Erfinder Krähwinkels, oder von Dr. Konrad Adenauer, dem Erfinder Bonns.

Kotzebues Schicksal übrigens schreckt. Ein Student namens Sand erdolchte ihn bekanntlich – als einen Feind deutscher Freiheit und Einheit, was er auch nicht hätte sein sollen, obwohl im damals russischen Alaska eine Stadt nach ihm, dem Theaterdichter aus Weimar, benannt wurde.