E. W., Paris, im März

Die gaullistische Europa-Vision „vom Atlantik bis zum Ural“ soll zuerst auf den Bildschirmen sichtbar werden – und zwar in französisch-russischen Farben. Das ist der Sinn des Abkommens, das Informationsminister Peyrefitte und Sowjetbotschafter Winogradow unterzeichneten. Beide Länder verpflichteten sich darin, technisch und wissenschaftlich zusammenzuarbeiten, um das Farbfernsehen mit Hilfe des französischen Systems SECAM zu verwirklichen.

Zum erstenmal erscheint damit auch in der Praxis Europa als ein Gebiet gemeinsamer politischer Interessen. Datum und Begleitmusik der Unterzeichnung des Abkommens lassen die politische Absicht deutlich erkennen. Der Schauakt fand am Vorabend der Konferenz der europäischen Rundfunk-Union statt, die in Wien zusammentrat, um das technische Verfahren für das Farbfernsehen möglichst einheitlich festzulegen. Indem Frankreich sich der Unterstützung des Ostblocks versicherte, versuchte es, die westeuropäischen Teilnehmer der Konferenz in eine Zwangslage zu bringen, vor allem die Bundesrepublik, die ein eigenes Verfahren anzubieten hat und die außerdem Rücksicht auf die Empfangsmöglichkeiten in Ostdeutschland nehmen sollte. Darauf wird auch in den französischen Kommentaren mit schöner Offenheit hingewiesen.

Für die Sowjets liegt das politische Interesse an dieser Übereinkunft nicht zuletzt in dieser Konstellation. Sie machen außerdem der amerikanischen Fernsehtechnik den europäischen Markt streitig, und sie sichern sich gleichzeitig die Unterstützung eines auf dem Gebiet der Elektronentechnik hochentwickelten europäischen Landes. Bei der Unterzeichnung war sehr deutlich davon die Rede, daß hier zum erstenmal „ein großes Land Osteuropas mit einem großen Land Westeuropas“ auf friedliche Weise zusammenarbeite. Damit wurden auch andere europäische Staaten auf diesen Weg gewiesen. Die Moskauer Verbeugung vor der Führungsrolle de Gaulles in Westeuropa war unübersehbar.

Das gaullistische Frankreich hat die Lage ausgenutzt, um auf einem kleinen Gebiet einen großen Coup zu landen. Es kann ein Schlag ins Wasser werden, denn die Entscheidung, die die Mehrheit der europäischen Länder in Wien fällen wird, bleibt völlig offen, weil England auf jeden Fall dem amerikanischen System folgen wird und weil der Programmaustausch innerhalb des Westens auf jeden Fall größer sein wird als zwischen Ost und West.