Von Joachim Kaiser

Verglichen mit Artur Rubinstein wirkt Wilhelm Backhaus, der zweite große alte Mann des Klaviers, fast behäbig, fast unempfindlich. Backhaus ist kein Original-Genie, dennoch hat ihm gegenüber heute alle Kritik leicht etwas Töricht-Rechthaberisches, Überflüssiges.

Dies nicht etwa, weil der 80jährige Künstler sich seit zehn Jahren in der „Schon-Zone“ befindet, jenem wohlerworbenen Anrecht all der Künstler, die ein Leben lang den Musen treu waren und die in höherem Alter das Nachlassen der physisch-manuellen Kräfte mit Vergeistigung oder Weisheit oder falschen Tönen bezahlen. Solcher Schonung spottet Backhaus (wie Rubinstein).

Er kann es sich leisten, im Scherzo des B-Dur-Konzerts von Brahms den Dirigenten bei der Probenbesprechung zu rascherem Tempo aufzufordern – denn die Unkosten dieses Tempos in Form wahnwitziger Pianissimo-Oktaven bezahlt er nach wie vor gleichsam nebenher. Seine Reserven sind riesig.

Sein Spiel bestätigt, was er einmal von großen Pianisten verlangte: Liszts Campanella-Etüde müsse verfügbar sein, selbst wenn sie nicht auf dem Programm steht. Sozusagen als Reserve... Die souveräne Ruhe, mit der Backhaus seinen Beethoven spielt, hat also auch einen ganz simplen technischen Grund. Äußerste Schwierigkeiten verlangen ihm noch nichts Äußeres ab.

Im „Goldenen Buch der Musik“, das lange vor dem Ersten Weltkrieg herauskam, kann man ein Bild des jungen Backhaus finden: dichtes, phantastisches Künstlerhaar, ein unternehmender, aber kühler Blick, das Bewußtsein der eigenen Fähigkeiten und großer sächsischer Musikerrealismus sprechen sich darin aus. Liszt dürfte damals nicht nur technische Reserve gewesen sein.

Wir sind nur zu leicht geneigt, Backhaus unter dem Aspekt dessen zu sehen, was sein Spätstil, sein Verhältnis also vor allem zu der großen Lyrik letzter Beethoven-Sonaten uns bedeutet. In einem Alter, da andere Pianisten erstarren, kam bei Backhaus überraschend und zunehmend noch ein Moment von Süße hinzu, von linder Bewegtheit und Dolce-Zauber.