Dr. med. Lucas – Die Wandlungen eines Angeklagten

Von Dietrich Strothmann

Viele haben harte, abstoßende Gesichter, manche grinsen höhnisch, wenn sich einmal ein polnischer oder russischer Zeuge verhaspelt, einige springen zackig auf, legen die Hände an die Hosennaht, knallen die Hacken zusammen und sagen "Jawoll", sobald der Vorsitzende sie anspricht. Sie sind sich auch auf der Anklagebank im Frankfurter Auschwitz-Prozeß gleichgeblieben.

Und dann die anderen: Geduckt sitzen sie da, mit zusammengesunkenen Schultern; müde, apathisch die einen, demütig, vergrämt die anderen: Hans Stark, der als Neunzehnjähriger in das Massenvernichtungslager kam; sein Vater hatte ihn damals zur SS geschickt, weil er gehorchen lernen sollte. Stark, der mit eigener Hand mordete, war der einzige, der sofort zugab: "Ich habe mich schuldig gemacht!"

Ein anderer, Perry Broad, der Deutsch-Brasilianer, den die Wehrmacht als Ausländer nicht annehmen konnte, stieß so zu Himmlers Schergentrupp. In der Gefangenschaft gab Broad freimütig zu Protokoll, wie die Mordmaschinerie in Auschwitz funktionierte. Daß sie hilflose, geschundene Menschen töteten, Alte und Junge, Frauen und Kinder – wer sieht es ihnen an? Ihre Gesichter verraten nichts von ihrer, von dieser Vergangenheit. Das Grausame hat mancherlei Masken, die Brutalität viele Tarnungen. "Sie könnten jedermanns deutscher Onkel sein", schrieb einmal Arthur Miller, der amerikanische Dramatiker, von diesen Angeklagten, die er im Frankfurter Prozeß beobachtete.

Auf keinen von ihnen trifft diese Beschreibung besser, genauer zu als auf Franz Bernhard Lucas, Facharzt für Frauenkrankheiten. Seine Patientinnen, die ihn im Elmshorner Krankenhaus aufsuchen, sprechen voller Hochachtung von seinen medizinischen Fertigkeiten. Daß man ihn Anfang 1963, als seine Tätigkeit in Auschwitz bekannt wurde, von der Leitung der geburtshilflich-gynäkologischen Abteilung des Hospitals ablöste, hat seinem Ansehen nicht geschadet. Seine Praxis geht gut. Es wird berichtet, er benutze die Flugverbindung Frankfurt–Hamburg, um in den prozeßfreien Tagen seine Sprechstunden zu halten und im Krankenhaus seine Privatpatientinnen zu behandeln. Ein gewissenhafter, auf das Wohl seiner Kranken bedachter Arzt also, der Schmerzen lindert, Frauen von ihren Gebrechen befreit, sie mit geschickten Händen heilt, ein Samariter. Er geht, wie es heißt, in seinem Beruf auf.

Nach 150 Prozeßtagen

Damit ist es nun vorläufig vorbei: In dieser Woche ordnete das zuständige Oberlandesgericht seine Verhaftung an. Lucas wurde mit einer planmäßigen Maschine nach Frankfurt geschafft. In den 150 Verhandlungstagen zuvor aber war er fast ein freier Mann. Das spielte sich ab: Kurz vor neun Uhr, ehe der Schwurgerichtsvorsitzende Hans Hofmeyer im Theatersaal des Frankfurter Bürgerhauses "Gallus" das Verfahren "gegen Mulka und andere" fortsetzt, nimmt er stumm seinen reservierten Platz in der vorderen, Bank ein. Es ist ein einsamer Platz, die Stühle neben ihm sind frei. Auf der hinteren Bankreihe drängen sich die Angeklagten, die in grünen Polizeiwagen aus dem Untersuchungsgefängnis in der Hammelsgasse herbeigeschafft werden: die Boger, Kaduks, Klehr.

Lucas kommt, eingekeilt im Schwarm der Zuhörer, durch den Haupteingang herein, begrüßt niemanden, spricht mit keinem seiner Mitangeklagten. Und so, wie er dort auftritt, dreimal in der Woche, so verschwindet er auch wieder: unbemerkt, ohne Aufsehen zu erregen, ohne einen Gruß, ein Wort, wie einer, der rein zufällig in diesen Kreis der Mörder geraten ist und der mit ihnen nichts gemein haben will – er, Franz Bernhard Lucas, geachteter Frauenarzt, ein stattlicher, hochgewachsener 53jähriger, im hellen Trenchcoat, den dunklen Hut keck in die Stirn geschoben. Der graue Anzug ist ihm wie auf den Leib geschneidert, die Krawatte sitzt korrekt. Die weißen Haare und schwarzen Augenbrauen passen zu seinem väterlich-milden Gesicht. Die Schmisse auf der linken Wange sind kaum noch zu erkennen. Ein gütiger, studierter Mann, "jedermanns deutscher Onkel". Aber auch ein Einzelgänger, der selbst zu jenen Angeklagten strikten Abstand hält, die seine Berufskollegen sind.

Lucas stellt etwas dar, er ist jemand – nicht nur in Elmshorn, auch in Frankfurt, im Gerichtssaal des Auschwitz-Prozesses, des bisher größten und längsten Verfahrens vor den Schranken eines deutschen Schwurtribunals. Selbst der Vorsitzende bringt ihm Respekt entgegen, behandelt ihn stets mit distanzierter Höflichkeit. Noch nie fuhr er ihn an oder fiel ihm ins Wort oder wies ihn zurecht. Der angeklagte Lucas ist auch in seinen Augen nicht wie viele der anderen, die voller Selbstmitleid sind oder ihre bestialischen Taten mit spöttischen Bemerkungen und einem stupiden: "Ich kann mich nicht erinnern!" leugnen. Lucas, das erkennt auch das Gericht an, weiß sich zu benehmen. Er achtet die Würde des Hauses und er wird daher auch auf die ihm gebührende Weise geachtet. Für die Mehrzahl der Zuhörer ist er der "gute Mensch von Auschwitz". Niemand sonst unter den zwanzig Angeklagten verdient nach ihrer Meinung dieses Lob, nur der ehemalige KZ-Arzt und SS-Obersturmführer Lucas.

Lucas’ Leumund

Er ist auch der einzige auf der langen Anklagebank, von dem die Zeugen bisher fast nur Gutes zu berichten wußten. So viele Entlastungsaussagen konnte in diesem Mammutprozeß noch keiner für sich buchen. Auf Lucas fiel in diesem düsteren Gerichtsverfahren meist ein freundliches Licht: In ihrem Buch "Die Frauen von Ravensbrück" bescheinigt ihm die DDR-Schriftstellerin Erika Buchmann, die selber Häftling war, daß er der einzige Lagerarzt gewesen sei, der sich menschlich benahm. Eine norwegische Autorin sagt ihm in ihren Aufzeichnungen "Verziehen, aber nicht vergessen" nach, er habe vielen kranken Häftlingen das Leben gerettet. Ähnliches wird über ihn in einer Sonderschrift der Krakauer Ärztegesellschaft berichtet, die von ehemaligen Häftlingsärzten herausgegeben wurde. Lucas habe, so heißt es dort, die nach Auschwitz getriebenen Mediziner mit "Sie", "Professor" und "Herr Kollege" angeredet. Noch heute erinnern sich der Ordinarius für Kinderheilkunde an der Prager Universität Prag, Ebbstein‚ der Krakauer Prorektor Fejkiel, die israelischen Ärzte Löbner und Bejlin daran, daß ihnen der Angeklagte Achtung entgegenbrachte, sie anständig behandelte; er sei durch und durch ein "Ehrenmann" gewesen, plädieren sie.

Die Zahl der Entlastungszeugen wollte kein Ende nehmen. Der Krakauer Arzt Szymanski sagte in Frankfurt aus: "Wir haben durch ihn den Glauben an einen deutschen Menschen wiedergefunden." Nach ihm trat sein polnischer Kollege Snieczo in den Zeugenstand und erklärte, wenn er hier erscheinen könne, so habe er dies allein Lucas zu verdanken; "sie sind keine Verbrecher", habe er sich den Häftlingsärzten im Zigeunerlager vorgestellt, "so etwas hatte ich in Auschwitz noch nie gehört". Die Ordensschwester Armbruster bestätigt dies, der Zeuge Gerber bekannte: "Dr. Lucas war uns eine Stütze", er habe sogar Listen mit den Namen arbeitsunfähiger Kranker vernichtet. Die ehemalige Häftlingspflegerin le Porz aus Bordeaux berichtet, Lucas habe Medikamente in das Krankenlager eingeschmuggelt, "es war für uns unerhört, einen SS-Arzt zu finden, der menschlich war". Die Krankenschwester Neideck erinnerte sich: "Für uns war er Kamerad, Freund, Bruder und Vater zugleich. Wenn wir Dr. Lucas nicht gehabt hätten, wären noch Hunderte und Tausende kaputtgegangen. Als Dr. Lucas bei uns war, da waren wir so fröhlich. Wirklich, wir haben wieder das Lachen gelernt." Kann einer, der Beihilfe zum tausendfachen Mord beschuldigt, in höheren Tönen gelobt werden – von seinen Opfern wohlgemerkt, nicht von seinen Dienstherren?

Bekannt wurde dem Gericht auch dieses Erlebnis des tschechischen Auschwitz-Häftlings Rudolf Gibian. Er gehörte zu dem Kommando, das auf der Rampe von Birkenau, dem Todeslager im Auschwitz-Komplex, das Gepäck der Juden sammeln und verladen mußte. Eines Tages, bei einem der Viehwaggontransporte, entdeckte er seine alte, weißhaarige Mutter. Er ging zu dem selektierenden Offizier, einem "Herrn Obersturmführer", und bat ihn um das Leben seiner Mutter. "Komm mit ihr als letzter vor", antwortete er dem Häftling Gibian. Es klappte, der Offizier wies die Frau nach rechts, in die Kolonne der arbeitsfähigen Juden. "Wer war der liebe Mensch, der meiner Mutter das Leben rettete", fragte Gibian einen Kapo. Seine Antwort: "Dr. Lucas."

War dieser Arzt in der Uniform der Henker ein Menschenfreund im Reich des Todes, ein Gentleman unter Sadisten und Folterknechten? Und steht ihm nun, da man über ihn zu Gericht sitzt, zwanzig Jahre danach, die Rolle eines Säulenheiligen zu?

Zum Prozeßbeginn hatte Lucas, der über die Grazer Arztakademie der Waffen-SS und das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt im Frühjahr 1944 nach Auschwitz beordert worden war, zu – seiner Verteidigung vorgebracht, daß er von dem

Grauen im Mordlager tief erschüttert gewesen sei. Den damaligen Osnabrücker Erzbischof Berning einen Schulfreund seines Vaters, habe er einmal um Rat gefragt. "Er sagte nur, unmoralische Befehle dürften nicht befolgt werden, doch gehe dies nicht so weit, daß man sein eigenes Leben gefährden müßte." Und ein "hoher Jurist", an den er sich hilfesuchend wandte, habe ihm zugeredet: "Wir stünden im fünften Kriegsjahr, und da komme eben so manches vor." Seine Schwester sprang ihm später vor Gericht bei: "Ich war noch sehr jung damals. Er schrieb täglich. Der Vater war immer sehr aufgeregt, bis Post da war. Der Vater sagte: Er (Lucas) ist sehr in Not!"

Er spielt sie gut, diese Rolle, meinen die einen; seine Auftritte seien wohlberechnet, klug eingefädelt: als der aufrechte, besonnene, von Gewissensnöten geplagte, von seinen Erinnerungen gequälte Dr. med. Franz Bernhard Lucas. Auch er habe, so sagen jene, die ihm nicht über den Weg trauen, seine "Leumundszeugen", wie andere damals ihre "Renommierjuden" hatten. Und sie mißtrauten dem SS-Arzt von Anfang an, als er "zur Person" aussagte, an Selektionen auf der Rampe habe er niemals teilgenommen, er habe sich immer davor gedrückt, Magen- und Darmkoliken vorgetäuscht, mit der "furchtbaren Aufgabe" einen Vertreter betraut. Außerdem sei er im Auftrag Mengeles nur ein paar Monate im Zigeunerlager gewesen, sodann als Truppenarzt ins Stammlager geschickt und später wegen "defätistischer Äußerungen" in die KZ Mauthausen, Stutthof, Ravensbrück und Sachsenhausen strafversetzt worden; von dort sei er gegen Kriegsende geflüchtet und von einem norwegischen Häftling versteckt worden. War das alles?

Die Zweifel blieben

Jedenfalls berichtete ein Russe vom Hörensagen dies: "Im Krankenbau, bei den Selektionen, mußten sich die Häftlinge nackt ausziehen, Lucas trug eine Sonnenbrille und hatte weiße Handschuhe an. Einige fielen vor ihm hin, umarmten seine Beine: ‚Herr Doktor, ich kann noch arbeiten.‘ Aber er hörte nicht darauf."

Die Zweifel, ob Lucas nur der "gute Mensch von Auschwitz" gewesen sei, wollten nicht verstummen. Schließlich war er zu jener Zeit als einer von vierzehn SS-Ärzten in der Todesfabrik, als Tag und Nacht die Züge mit ungarischen Juden an der Birkenauer Rampe eintrafen. 400 000 Häftlinge waren in diesen Transporten. Es mußte mit "Hochdruck gearbeitet" werden, ununterbrochen drang der Qualm aus den Schornsteinen der Verbrennungsöfen. Jeder Arzt wurde mehrmals zu den Selektionen eingeteilt. Und Lucas konnte sich gewiß nicht jedesmal mit Magenschmerzen entschuldigen. Niemand im Gerichtssaal glaubte ihm das. In Auschwitz war kein Platz für Samariter.

Dann kam jener 137. Tag im Auschwitz-Verfahren. Einer der Angeklagten, der ehemalige SS-Rottenführer Stefan Baretzki, packte aus: "Ich bin doch nicht blöd, ich bin doch nicht blind gewesen, als der Dr. Lucas auf der Rampe selektiert hat. Wenn er hier sagt, daß er Leuten geholfen hat, das war vielleicht 1945, da hat er sich eine Rückfahrkarte besorgt. Fünftausend Mann, die hat er in einer halben Stunde ins Gas jeschickt, und heute will er sich als Retter hinstellen." Im "Gallus"-Saal war es in diesem Augenblick totenstill. Es war das erstemal in diesem Prozeß, daß ein Angeklagter einen anderen belastete. Baretzki hatte den Mund aufgemacht, aus Wut darüber, daß "die Kleinen immer alles ausbaden müssen". Lucas hielt den Kopf tief gesenkt. Die Anklage hatte ihn wie ein Blitz getroffen. Als er vom Vorsitzenden aufgerufen wurde, zögerte er, dann aber stritt er alles rundweg ab.

Sechs Prozeßtage nach dem unerwarteten Bekenntnis des aufgebrachten Baretzki legte Lucas ein Geständnis ab: Er habe vorher nicht die Wahrheit gesagt, er habe doch Juden für die Gaskammer ausgewählt, "aber nur drei- bis viernal". Er stand gebeugt, seine Stimme stockte, er sprach leise.

Dem geachteten, sympathisch wirkenden Elmshorner Frauenarzt Dr. Lucas standen aber noch zwei andere schwarze Tage bevor: am 24. März vurde er in das Frankfurter Untersuchungsgefängnis eingeliefert, und am 29. März, dem letzten Tag der Beweisaufnahme des Auschwitz-Prozesses, wird ein Holländer in den Zeugenstand treten, der sich erst jetzt bei der Staatsanwaltschaft gemeldet hat. Als er in den Zeitungen die Photos von der Ortsbesichtigung des Gerichts in Auschwitz sah, entdeckte er auch ein Gesicht, das ihm vertraut war: das Gesicht des damals 33jährigen SS-Obersturmführers Lucas. Und er erinnerte sich plötzlich auch daran, daß er diesen Mann bei den Selektionen im Krankenbau beobachtet hatte. Das war von dem Angeklagten bisher immer abgestritten vorden, dafür hatte es auch noch keinen glaubwürdigen Augenzeugen gegeben. Noch einmal wird Franz Bernhard Lucas also vermutlich gestehen müssen: "Ich habe es getan!"