Selma, im März

Die Nächte waren noch winterlich kalt, die Füße schmerzten, und beim Passieren von Ortschaften wurden ihnen hier und da unfreundliche Worte von weißen Segregationisten zugerufen. Aber die Teilnehmer am „Emanzipationsmarsch“ von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt des Südstaates Alabama, hielten durch.

Der Bundesrichter, der entgegen dem Verbot von Gouverneur Wallace den Marsch genehmigt hatte, hatte verfügt, daß nicht mehr als dreihundert Personen mitmarschieren dürften, damit die Straße nicht verstopft würde – auch wäre es sonst nicht möglich gewesen, die Wallfahrt für das Stimmrecht der Neger militärisch abzusichern.

Rund zweitausend Soldaten waren eingesetzt worden, um die Landschaft zu beiden Seiten der Straße durchzukämmen, denn hinter Büschen und Hügeln hätten sich leicht Scharfschützen verbergen können.

Dr. Martin Luther King ist es gelungen, mit diesem Marsch – noch mehr als bisher – die Augen Amerikas auf Selma und den „schwarzen Gürtel“ zu richten. Ungeachtet des Bürgerrechtsgesetzes werden die Farbigen, die dort in vielen Land- und Stadtkreisen die Bevölkerungsmehrheit stellen, noch immer vom Wahlrecht ausgeschlossen. Eigentlich war der Zweck des Marsches schon erfüllt, ehe er begann, denn der Kongreß beschäftigt sich bereits mit den gesetzgeberischen Maßnahmen, die jenen zahllosen Kniffen und Tricks den Garaus machen werden, mit denen den Farbigen im Süden bisher das Wahlrecht vorenthalten wird. Die Demonstration war aber nötig und sinnvoll, da die weiße Reaktion im Süden nach Kräften versucht, die Anwendung des Bürgerrechtsgesetzes zu sabotieren.

Der Marsch bewies, daß die Kräfte der Bürgerrechtsbewegung nicht erlahmt sind und jederzeit mobilisiert werden können; er zeigt auch, daß Gesetze allein das Zusammenleben von Weiß und Schwarz nicht zu erzwingen vermögen. Präsident Johnson mußte sehr gegen seinen Willen die Nationalgarde in Alabama der Bundesexekutive unterstellen, wie vor ihm schon die Präsidenten Eisenhower und Kennedy bei den Rassenunruhen von Little Rock und von Oxford in Mississippi. Damals ging es um die Integration von Schulen und Universitäten, die jetzt fast ohne Eingreifen der Bundesgewalt im Süden gute Fortschritte macht.

Wenn die Neger im Süden erst einmal wirklich wählen können, dann werden die Politiker auch die schwarzen Stimmen umwerben müssen; und das ist dann der Augenblick des endgültigen Umbruches zur verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der Farbigen. Joachim Schwelien