In diesen Wochen und Monaten stehen wiederum viele junge Menschen, die ihre Schulausbildung beendet haben und den kaufmännischen Beruf ergreifen wollen, vor der Frage: kaufmännische Lehre oder kaufmännisches, das heißt wirtschaftswissenschaftliches Studium? Entschließt sich der Abiturient zu einer kaufmännischen Lehre, so steht der Zeitpunkt fest, zu dem er beginnt, Geld zu verdienen. Schon der Lehrling verfügt vom ersten Tage seiner Tätigkeit an über ein, wenn auch kleines, Einkommen. Entscheidet er sich aber für ein Studium, so ist nur eines gewiß: Die Kosten gehen weiter. Studiengelder und Lebensunterhalt müssen von den Eltern aufgebracht werden, wenn nicht mit einem Stipendium geholfen wird. Wie lange Zeit das nötig sein wird, kann man nicht mit Sicherheit voraussagen.

Die Erfahrung lehrt, daß die Studierenden immer mehr Semester benötigen, um ihre Examina abzulegen. Vor einem Jahrzehnt war die vorgeschriebene Semesterzahl für Diplom-Volks- und Betriebswirte sechs Semester. Das war zwar die Mindestdauer; aber es gab damals noch eine große Zahl von Studenten, die es schafften, innerhalb dieser Zeit ihr Studium erfolgreich abzuschließen.

Heute ist die Studienzeit auf acht Semester heraufgesetzt. Trotzdem zeigt sich, daß immer weniger Studenten mit dieser Mindeststudienzeit auskommen. Das hängt wohl einerseits mit der Erweiterung des wirtschaftswissenschaftlichen Stoffes und manchen anderen Faktoren zusammen. Es scheint aber auch, als ob Arbeitseifer und Arbeitsintensität im Vergleich zu früheren Jahren nachgelassen hätten.

Das mag bestritten werden, findet aber eine gewisse Stütze in den Erfahrungen akademischer Lehrer. Ihnen fällt auf, wieviel schlechter Abendvorlesungen besucht sind gegenüber Vormittagsstunden. Sie stellen vielfach fest, daß Freitagnachmittage oder die Termine vor und nach Feiertagen von den Studenten in ein längeres Wochenende einbezogen werden. Die Professoren sehen sich dann Hörsälen von gähnender Leere gegenüber...

Davon abgesehen – eins scheint sicher: der studierte Kaufmann von heute – sei er Diplom-Kaufmann, Diplom-Volkswirt oder Dr. rer. pol. – besitzt kaum mehr Kenntnisse als vor Jahrzehnten. Auch das Niveau der Prüfungen ist keinesfalls höher als in den dreißiger Jahren. Und wer in der Wirtschaft einen soeben diplomierten Kaufmann oder einen frischgebackenen Doktor der Wirtschaftswissenschaften mit Aufgaben des geschäftlichen Alltags betraut, der ist nicht selten überrascht von der Naivität und Hilflosigkeit, mit der der akademisch gebildete Kaufmann selbst einfachen Aufgaben gegenübersteht.

Die Enttäuschung ist jedoch meist unberechtigt. Denn woher sollte der junge Mann die Erfahrung, das praktische Können haben? Nach dem Besuch der höheren Schule und dem Dienst bei der Wehrmacht hat er wieder vier, fünf oder gar sechs Jahre auf der Schulbank zugebracht. Zwar diesmal in einer Hochschule, in der ihm sehr viel Wissen, Grundsätze, Erkenntnisse vorgetragen wurden. Aber die einfachen praktischen Arbeiten, ohne die es im betrieblichen Leben nun einmal nicht geht, kennt er relativ wenig.

Auch der studierte Kaufmann muß erst eine wirkliche kaufmännische Lehrzeit durchmachen. Die Schwierigkeit liegt nur darin, daß er auf Grund seiner Ausbildung, ja seiner Erziehung glaubt, dies nicht nötig zu haben, sondern „fertig“ zu sein. Aus dieser falschen Einstellung heraus werden exorbitant hohe Gehaltsforderungen gestellt. Die jungen Akademiker glauben, ihren oftmals jüngeren, nicht akademisch gebildeten Kollegen turmhoch überlegen zu sein. Dabei sind diese es in neunzig von hundert Fällen, die ihren älteren Kollegen auf Grund der größeren Betriebserfahrung etwas vormachen können.