Von Horst Wetterling

Die Hamburger Bürgerschaft, das Parlament der Hansestadt, hat in der vorigen Woche einen Antrag der CDU-Opposition abgelehnt, die (zweiwöchigen) Aufnahmeprüfungen für die Gymnasien abzuschaffen. Der Abgeordnete Carl Damm hatte den Antrag seiner Partei unter anderem so begründet: Keine Prüfungsangst mehr bei Kindern und Eltern; letzte Zuständigkeit bei denen, die die Hauptverantwortung tragen, den Eltern; bessere Chancen für mehr Schulkinder. Im folgenden Beitrag beschäftigt sich Professor Horst Wetterling mit dem niedersächsischen System, das er als vorbildlich betrachtet.

Der Übergang von der Grundschule zum Gymnasium liefert die Kinder einem Druck aus, dem Druck, sich schon „für das Leben“ bewahren zu müssen, dessen Ansprüche sie gar nicht übersehen können. Die Eltern wiederum erfüllt das bisherige Verfahren der Auslese mit Mißtrauen, einerlei, ob es sich dabei um eine regelrechte Aufnahmeprüfung handelt oder um einen Probeunterricht. Und selbst hohe Gerichte mußten sich mit den Fragen beschäftigen, welche durch den Schritt ausgelöst werden, den ein zehnjähriger Junge zu tun sich anschickt:

„Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ müsse – so fordert ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Hamburg – in jedem einzelnen Fall der Ablehnung erwiesen werden, daß bei einem Kind die Voraussetzungen für die Zulassung zum Besuch des Gymnasiums nicht gegeben sind (OVG Hamburg DÖV 1956, 627). Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts hat diesen Maßstab bestätigt (BVerwGE 1958, 5, 153, 164).

Es ist verständlich, daß hier ein strenger Anspruch erhoben wird. Immerhin steht eine Entscheidung in Betracht, die geeignet ist, den Lebensweg eines Kindes in mehr als einer Hinsicht zu bestimmen. Durch die Aufgabe, eine Auslese zu treffen, wird die Schule – so meint Professor Helmut Schelsky, Ordinarius für Soziologie an der Universität Münster„zur ersten und damit entscheidenden zentralen sozialen Dirigierungsstelle für die künftige soziale Sicherheit, für den künftigen sozialen Rang und für das Ausmaß künftiger Konsummöglichkeiten“.

Es sollte aber auch verstanden werden, daß dieser Anspruch den beteiligten Lehrern zu viel abverlangt, einerlei, ob es nun die Lehrer in der Grundschule sind, welche die fällige Entscheidung durch ein Gutachten herbeiführen sollen, oder die Lehrer am Gymnasium, welche das Urteil zu treffen haben, nachdem sie die Bildungsfähigkeit eines Kindes in einer Prüfung oder während eines Probeunterrichts sondiert haben. Es ist häufig ausgebreitet worden, worin die Ursachen für die Bedrängnis zu suchen sind, in die Lehrer durch diesen Auftrag geraten; es ist meistens auch dargelegt worden, daß den Entscheidungen trotz aller Mühe nur wenig prognostischer Wert zukommt.

In der ZEIT wurden auch die Wege skizziert, auf denen einige unserer westlichen Nachbarvölker die gleiche Aufgabe zu lösen suchen, die Aufgabe nämlich, jede Begabung aufzuspüren und zu fördern (Zuviel Schüler ohne Chance? Nr. 21/1964). Dabei wurde auch um Verständnis für eine Ordnung geworben, die jedem Kinde die Möglichkeit eröffnet, seine sich erst entfaltende Kraft in einer längeren Zeitspanne – während eines „cycle d’Observation“, einer „diagnostic period“, eines „Brückenjahrs“ – an neuartigen, differenzierten Aufgaben zu erproben.

Freilich geriet auch bei uns allmählich die Aufgabe in den Blick, bessere Verfahren für die Auslese zu entwickeln. Zusammen mit dieser Einsicht rührte sich aber auch die fatale Neigung, keine Experimente zu wagen. Der simple Schluß liegt ja so nahe, will man in Ruhe gelassen werden und dem albernen Vorwurf ausweichen, wieder einmal würden Kinder zu „Versuchskaninchen“ erniedrigt: Taugen die bisherigen Verfahren nicht, so schaffe man sie eben ab und erlaube einfach jedem Kind, das Gymnasium zu besuchen, sofern seine Eltern darauf bestehen. Dann unterliegt das Kind halt dem Prozeß permanenter Aussonderung durch das Sitzenbleiben, einem Prozeß somit, der den Schulalltag zum steten Gerichtstag verwandelt.

Dieser Schluß ist nicht nur simpel, sondern verantwortungslos: Halten die Pädagogen an der Gliederung des Schulwesens in Volks-, Mittel- und höherer Schule fest, so sind sie auch verpflichtet, den Eltern mit einem begründeten Rat, wenn nicht gar mit einer gewissenhaften, fundierten Entscheidung zu helfen, den richtigen Weg für ihr Kind zu finden, es sei denn, sie wollten ihre Berufung leugnen und sich fortan lediglich als Verkäufer von Wissensstoffen betrachten.

Mit seinem Erlaß vom 3. November 1964 hat nun der niedersächsische Kultusminister eine produktive, aber auch waghalsige Lösung für die heikle Aufgabe angebahnt, einen Weg nämlich, auf dem die Lehrer auch dem strengen Anspruch, der sich an der Rechtsprechung hoher Gerichte ablesen läßt, eher genügen können als bisher, weil er ihnen erlaubt, in einiger Muße für jedes Kind den geeigneten Bildungsweg zu finden.

Einmal wird der Volksschule mit diesem Erlaß die Möglichkeit eröffnet, eine „Förderstufe“ einzurichten. Das heißt: Der Unterricht des 5. und 6. Schuljahrs wird so eingerichtet, daß die Kinder in wechselnden Arbeitsgruppen mannigfache Gelegenheiten erhalten, ihre Fähigkeiten an differenzierten Aufgaben zu erproben und womöglich zu bewähren. Hat sich dabei erwiesen, daß sich die Begabung eines Kindes am ehesten entfalten kann, wenn es ein Gymnasium besucht, so wird ihm der Übergang in die 7. Klasse des Gymnasiums ohne jede Prüfung ermöglicht.

Zum anderen wird dem Gymnasium auferlegt, eine „Eingangsstufe“ einzurichten. Das heißt: Alle Kinder, die in die Sexta aufgenommen worden sind – es geschieht dies ohne Prüfung durch einen Ausschuß von Volksschullehrern und Studienräten, der auf einem Gutachten der Grundschule fußt –, alle Sextaner also sollen grundsätzlich zwei Jahre Zeit haben, sich an die besondere Unterrichtsweise des Gymnasiums zu gewöhnen. Somit entfällt die Versetzung oder das Sitzenbleiben nach dem 5. Schuljahr. Für Schüler, denen die Anpassung an die Arbeitsweise der neuen Schule und an die ungewohnte Umgebung besonders schwerfällt, kann während der beiden Jahre zusätzlicher Unterricht gegeben werden.

Dieser Erlaß verdient, produktiv genannt zu werden. Er stützt sich auf zwei Einsichten, die sich seit langem in der erzieherischen Erfahrung wie in den Reflexionen der Pädagogik abzeichnen: „Bildsamkeit zeigt sich nicht, außer wo sie erwartet wird und wo die Bildung schon wirksam ist, deren Möglichkeit sie zeigen soll“, so formuliert Professor Wilhelm Flitner, Ordinarius em. für Pädagogik an der Universität Hamburg, einen zentralen Gesichtspunkt jeder Erziehungswissenschaft. Das heißt: Die Bildungsfähigkeit eines Kindes zeigt sich erst, wenn sie mit Aufgaben herausgefordert wird. Während die ungewohnte Situation einer Prüfung einen Druck erzeugt, der bei vielen Kindern das Leistungsbild verfälscht, können sich Begabung, Neigung und Arbeitswilligkeit eher zeigen, wenn das Kind längere Zeit hindurch vor neuartige Aufgaben gestellt wird, etwa vor die Aufgabe, eine fremde Sprache zu lernen oder abstrakte Relationen in der Welt der Zahlen zu durchdringen. „Eignungs-“ und „Förderstufe“ eröffnen den Kindern entsprechende Chancen.

Die Bildungsfähigkeit eines Kindes läßt sich zwischen dem zehnten und dem zwölften Lebensjahr zuverlässiger erkennen als gerade in dem Alter, in dem sich die Jungen und Mädchen bisher dem Probeunterricht zu stellen hatten, also dem zehnten Lebensjahr. „In diesem Alter erwachen in aller Regel die Fähigkeit und das Bedürfnis, planmäßiger und spezialisierter zu lernen und sachlogische Zusammenhänge zu begreifen; das Maß und die Art des Fortschreitens in dieser Richtung sind für die Beurteilung der Bildungsfähigkeit von besonderer Bedeutung. Das gilt nicht nur für den Grad der Begabung, sondern auch schon für ihre spezifische Struktur“, so faßt der Deutsche Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen die einschlägigen Erfahrungen zusammen. „Eingangs-“ und „Förderstufe“ erlauben, diese Spanne als Periode der Beobachtung und Bewährung zu nutzen.

Es versteht sich, daß die Chancen, welche den Kindern mit der Einrichtung von „Eingangs-“ und „Förderstufen“ eröffnet werden, erst ergiebig werden, wenn sowohl die Inhalte als auch die Methoden des Lehrens im fünften und sechsten Schuljahr aller Schulen so weit aufeinander abgestimmt werden, daß der mögliche Schulwechsel dem Kinde keine Schwierigkeiten bereitet. Dazu bedarf es der intensiven Kooperation von Lehrern aus Volksschule und Gymnasium, einer Zusammenarbeit, die in der Vergangenheit durch mannigfache Vorurteile erschwert worden ist.

Daß diese Vorurteile um der gemeinsamen Sache willen ausgeräumt werden können, ist die Überzeugung, die den Erlaß trägt. Ist es auch ein Wagnis, so ist es doch allemal nobel, solches Vertrauen zu hegen und zu bezeugen. Es verdient eine naheliegende Antwort: Auf die Dauer sollten „Eingangs-“ und „Förderstufe“ zu einer eigenständigen Förderstufe zusammenwachsen, in der Volksschullehrer und Studienräte gemeinsam der Aufgabe dienen, die Kinder auf den richtigen Weg zu bringen.

Der waghalsige Schritt wird zum erstrebten Effekt führen, wenn die Lehrer so gut wie der Minister die Zustimmung der Öffentlichkeit haben. Es wäre verhängnisvoll, erlägen die Bürger der Bundesrepublik der Meinung, es handle sich nur um die Angelegenheiten „von anderer Leute“ Kinder. In Wahrheit steht bei der Frage, auf welche Weise Jungen und Mädchen einen Zugang zu weiterführenden Schulen gewinnen, bei der Frage dazu, wie vielen eine reale Chance geboten wird, ein politisches Problem ersten Ranges in Betracht.

Ein Hinweis genügt vielleicht, um die Frage ins rechte Licht zu rücken: Im Jahre 1970 schon wird der Anteil der Abiturienten an der Zahl aller Heranwachsenden eines Geburtenjahrgangs in Norwegen und Schweden je 22 Prozent betragen, in Frankreich 19, in Österreich 14, in Italien 12,5, in Dänemark 11,5, in der Bundesrepublik jedoch nur 6,8 Prozent. Nun beginnt der Weg, welcher zum Abitur führt, eben in der Sexta, genauer gesagt: beim Übergang von der Grundschule zum Gymnasium. Nun hängt doch wohl das politische und wirtschaftliche Potential eines Volkes von der Zahl seiner qualifizierten Bürger ab.

Ministerialdirigent Dr. Günther Rönnebeck vom Niedersächsischen Kultusministerium zieht die Linien aus: „Nach der Euphorie des Wiederaufbaus und des Konjunkturüberschwangs beginnt man zu begreifen, daß wirtschaftliche und damit politische Sicherheit in unserer Gesellschaft auf die Dauer nur zu erreichen sind, wenn die Diagnose der Eignung von Kindern auf exakte und objektive Weise gestellt, wenn die Prognose für die Entwicklung zuverlässiger wird.“

So war es die Verantwortung für unser Gemeinwesen, die den niedersächsischen Kultusminister zu einem Schritt veranlaßte, der in gleicher Weise produktive Lösungen anbahnt und einiges Risiko in sich birgt. Ist die damit heraufgeführte Ordnung auch noch nicht perfekt, so daß Rönnebeck von „ersten bescheidenen Ansätzen“ spricht, so bahnt sie doch endlich – nach unergiebigen Diskussionen, in denen alle antiquierten Vorurteile fröhliche Urstände feierten – der Vernunft eine Gasse.