Von Wilhelm Treue

Werner Jochmann (Herausgeber): Nationalsozialismus und Revolution. Ursprung und Geschichte der NSDAP in Hamburg 1922 bis 1933. Dokumente; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main; 444 Seiten, 24,– DM.

Seit einigen Jahren gibt es eine „Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg“, die inzwischen mehrere für die Erhellung der Geschichte des Nationalsozialismus in Norddeutschland wertvolle Bände veröffentlicht hat. Die wichtigste Publikation dieses wissenschaftlichen Instituts ist vorläufig zweifellos der vorliegende Dokumentenband.

Die 119 editionstechnisch sehr gut dargebotenen Dokumente, zu denen der Herausgeber ein längeres Vorwort geschrieben hat, bilden einen Teil der Quellengrundlage für einen demnächst zu erwartenden Darstellungsband. Wir erhalten also hier gewissermaßen die Quellenbelege vor dem Forschungsergebnis – was entschieden seine Vorteile hat: unbeeinflußt von der Auffassung des Autors und Herausgebers, können wir uns aus dem umfangreichen Band eine eigene Auffassung erarbeiten.

Der Quellenband beginnt mit einem Flugblatt des Deutschvölkischen Bundes „Von der Hohenzollern- zur Judenherrschaft“ vom Dezember 1918 und reicht mit seinem ersten Abschnitt von dreizehn Dokumenten über weitere Flugblätter, Korrespondenzteile, Behördenaufzeichnungen bis zu einigen Briefen an Hitler vor dem Putsch von 1923 und bis zum Tage nach diesem selbst. Am Anfang also die primitive Behauptung: „Schon unter den Hohenzollern standen wir unter der Judenherrschaft... Die Juden (also nicht die deutsche Tüchtigkeit, wie es vorher immer geheißen hatte) haben uns durch ihre maßlose Herrsch- und Geldgier in der ganzen Welt unbeliebt gemacht“ – am Ende die Erklärung des Hamburger Senats an den Reichskanzler am 10. November 1923, die Reichsregierung habe am Tage zuvor den Senat telegraphisch ersucht, „sie bei der Niederschlagung der hochverräterischen Pläne Hitlers und seiner Genossen mit aller Kraft zu unterstützen. Der Senat hat diese Unterstützung, eine selbstverständliche Pflicht jeder reichstreuen Landesregierung, sofort auf telegraphischem Wege zugesagt. Der Senat bedauert, der Reichsregierung jedoch mitteilen zu müssen, daß durch das Verhalten des Inhabers der vollziehenden Gewalt über Hamburg, des Generals von Tschischwitz in Stettin, der Senat an der in Hamburg erforderlichen Gegenwirkung gegen den Hitlerputsch gehindert worden ist“. Offensichtlich hatte der General von Stettin aus schon häufiger ohne Kenntnis der hamburgischen Verhältnisse und Bedürfnisse die Hansestadt regiert – diesmal tat er es gegen den deutlich ausgesprochenen Willen der Regierung.

Aber auch über die völkischen Vorläufer des Nationalsozialismus in Norddeutschland erhalten wir wichtige dokumentarische Angaben sowie Beweise dafür, daß diese Gruppen bereits seit 1920 in ihren Zeitungen, Schriften und Versammlungen für Hitler und seine Partei geworben haben.

Es folgen zahlreiche Dokumente zur Geschichte der NSDAP in Hamburg: Korrespondenzen und Denkschriften, bis um 1926 der Strom dieses Materials versiegte: „Hitler beantwortete kaum Briefe, Eingaben und Berichte seiner Unterführer und Anhänger, und daher stellten schließlich auch die Schreibfreudigsten unter ihnen ihre Korrespondenz ein. Dafür wurden mit dem Wachstum der Partei und der Stärkung ihrer materiellen Mittel weit mehr Tagungen veranstaltet, Inspektionsreisen und Führerbegegnungen durchgeführt.“