Von Wolfgang Krüger

Tabus in Wirtschaft und Politik der USA“ ist der Titel eines Bändchens, das seit einiger Zeit in rowohlts deutscher enzyklopädie greifbar ist, John Kenneth Galbraith, der große Sarkest unter den Nationalökonomen seines Landes, springt in dieser Sammlung von Essays „nicht immer glimpflich“, wie er selbst schreibt, mit den „Überzeugungen vergangener Tage“ um, mit jenen „ehrwürdigen Legenden“ vom Wesen und Funktionieren der Wirtschaft, die auch heute noch von „würdigen Herren“ als unantastbare Wahrheiten verkündet werden und in verhängnisvoller Weise den Weg zu vernünftigen Lösungen vieler amerikanischer Probleme versperren.

Galbraith, der einstige Berater des Präsidenten Kennedy, neigt zu der Ansicht, daß die eigentlichen und ernst zu nehmenden Gefahren für die westliche Gesellschaftsordnung nicht vom Kommunismus kommen, sondern „von all denen, die da meinen, er sei am besten durch völlige Ausrottung endgültig aus der Welt zu schaffen“, von jenen Zeitgenossen, „die in der Festsetzung von Mindestlöhnen und Arbeitsnormen für Wanderarbeiter einen gewaltsamen Eingriff in die Freiheit des Individuums sehen wollen, als deren Hüter wir uns traditionsgemäß fühlen“.

Amerika hat sich mit seinen Tabus und Legenden herumzuschlagen; wir mit den unseren – und bei genauerem Hinsehen scheinen sich diese, jedenfalls soweit sie gesellschaftpolitischen Inhalts sind, noch nicht einmal so himmelweit von denen der Amerikaner zu unterscheiden.

Auch bei uns in der Bundesrepublik gibt es Leute, denen jeder weitere Ausbau der sozialen Sicherheit abgrundtief verdächtig ist, für die jeder Eingriff des Staates in die Einkommens- und Vermögensverteilung „ein Schritt in den Kollektivismus“ ist, der „im Namen der Freiheit“ mit allen Mitteln verhindert werden muß. Dieses wilde Herumfuchteln mit großen Worten, deren Bedeutung durch ihren wahllosen Gebrauch bei jeder sich nur bietenden passenden und unpassenden Gelegenheit nicht gerade klarer wird, wirkt sich nahezu verheerend auf Inhalt und Qualität der sozialpolitischen Diskussion aus.

Die so gern gelästerte laufende Produktion von Sozialgesetzen durch den Bundestag ist mit auch noch so leidenschaftlichen Appellen an das Freiheits- und Verantwortungsbewußtsein nicht aufzuhalten. Sie ist nicht aufzuhalten, weil die Wunden, die zwei verlorene Weltkriege in das soziale Gefüge geschlagen haben, durch den Massenwohlstand wohl oberflächlich überdeckt, aber längst noch nicht ausgeheilt sind; man sollte sich hier nicht täuschen. Und sie ist nicht aufzuhalten – und das ist auf längere Sicht entscheidender –, weil der unablässig weiter fortschreitende Industrialisierungsprozeß, der gerade jetzt in die Phase der Automation eintritt, zwangsläufig aus sich heraus auch immer neue soziale Probleme schafft. Mit ihnen kann der einzelne allein nicht fertig werden; hier wachsen der Gesetzesinitiative des Staates fortlaufend immer neue Aufgaben zu.

Das braucht uns auch nicht zu erschrecken; denn das für die Qualität unserer Gesellschaftsordnung – vom Standpunkt der Freiheit – Entscheidende ist nicht, daß solche Gesetze gemacht werden, sondern wie sie aussehen, wieviel Freiheit für den einzelnen in ihnen eingebaut ist. Und da muß einem großen Teil der um eben diese Freiheit besorgten Kräfte in der Bundesrepublik – und es gibt wahrlich Grund, um die Freiheit besorgt zu sein – der harte Vorwurf gemacht werden, durch blindwütiges Anrennen gegen sozialpolitische Entwicklungen, die nicht aufzuhalten sind, sich selbst disqualifiziert und damit aus der sozialpolitischen Debatte ausgeschaltet zu haben.