Es ist gut, daß wir in Bonn einen Außenminister und das Auswärtige Amt und im Ausland Botschafter haben. So haben wir in dieser schwierigen Zeit wenigstens Leute und Institutionen, die die Rolle von Sündenböcken übernehmen können, das gehört bei uns seit Anfang des Jahrhunderts zur Tradition. Gewiß, auch in anderen Ländern werden, wenn die Dinge sich schlecht entwickeln, erst einmal die Diplomaten verantwortlich gemacht. Aber nicht so konsequent und ausschließlich, wie bei uns.

Die harmlos gemeinten, aber fatal wirkenden Reden Wilhelms II. stießen seinerzeit auf nur geringe Kritik. Auch die verantwortungslose Außenpolitik des Reichskanzlers Bülow, der damit den Grundstein zu der nachfolgenden Katastrophe legte, fand nicht die entsprechende Verurteilung. Erst als diese Katastrophe eintrat, zog die öffentliche Meinung über unsere Diplomaten her.

Einige Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges veröffentlichten dann die beteiligten Mächte ihre Akten aus der Vorkriegszeit. Man konnte daraus entnehmen, daß unsere Botschafter bei den fremden Mächten keineswegs versagt hatten. Sie hatten sachlich und nüchtern über die sich zuspitzende Lage berichtet und vor den Konsequenzen gewarnt. Diese sich aus den Dokumenten ergebende Rechtfertigung der deutschen Auslandsvertreter war allerdings von nur noch theoretischer Bedeutung: sie milderte die Niederlage Deutschlands nicht ab und von den bei Kriegsende mit Vorwürfen überhäuften Diplomaten waren Ende der zwanziger Jahre viele nicht mehr am Leben und keiner mehr im aktiven Dienst.

In den wenigen guten Jahren der Weimarer Republik war das Verhältnis der Regierungsparteien zum Auswärtigen Amt zwar so gut wie nie zuvor und nie nachher. Doch schmolz die gemäßigte Mitte immer mehr zusammen. Stresemanns und Brünings Außenpolitik brach im Kreuzfeuer der radikalen Rechten und Linken uhd der mangelnden Einsicht der ehemaligen Kriegsgegner zusammen. Für die Propaganda der Nationalsozialisten war der deutsche Diplomat im Zweifel ein Landesverräter.

Kurz vor Kriegsausbruch unterhielt sich Carl Burckhardt, damals Völkerbundskommissar in Danzig, mit dem rumänischen Außenminister Gafencu über die deutschen Diplomaten. Gafencu selber, einer der glanzvollsten Erscheinungen auf der Weltbühne, erklärte, es treffe keineswegs zu, daß die deutschen Diplomaten unfähig seien, ihr Niveau liege sogar über dem Durchschnitt, doch höre man nicht auf sie, dies sei ihre und Deutschlands Tragödie.

In der Bundesrepublik ist die Stellung des Auswärtigen Amts von Anfang an schwächer gewesen, als diejenige aller anderen Ressorts, weil es über keinen eigenen Minister verfügte. Die ersten Jahre war Adenauer sein eigener Außenminister und als er sich endlich entschloß, dieses Amt an Heinrich von Brentano zu übertragen, beschränkte sich dieser darauf, Sprachrohr des Kanzlers zu sein.

Vor diesem Hintergrund muß man die Vorwürfe sehen, die in den letzten Wochen gegen Außenminister Schröder und die ihm unterstellten Beamten erhoben worden sind. Eine Anzahl von Politikern und Publizisten stellte die Behauptung auf, das Auswärtige Amt sei ahnungslos und unvorbereitet in die Nahostkrise hineingestolpert. Dies ist leicht zu widerlegen.