An der Cornell Universität in Ithaca (New York) herrscht große Freude. Seit letzten Freitag ist bekannt, daß es dem dort lehrenden Professor für Biochemie, Dr. Robert W. Helley, und seinen Mitarbeitern zum erstenmal gelungen ist, die chemische Struktur einer Nukleinsäure zu enträtseln, einer jener Substanzen, die die Produktion von Eiweißstoffen in der lebenden Zelle steuern und die für die Weitergabe der Erbinformationen von Zelle zu Zelle und von Generation zu Generation sorgen.

„Holleys Strukturanalyse ist eine der großen Errungenschaften der modernen Biochemie, ein neues wichtiges Glied in der Indizienkette, die einmal zur Enthüllung des Mysteriums des Lebens führen wird“, erklärte Charles Palm, der Dekan der Landwirtschaftlichen Fakultät, der Professor Holley seit 17 Jahren angehört. Und ähnlich hochtrabend klingen die anderen ersten Kommentare amerikanischer Wissenschaftler zu dem Untersuchungsergebnis, das Holley in der Wissenschaftszeitschrift „Science“ (19. März) veröffentlicht hat.

Warum ist es so wichtig, den chemischen Aufbau gerade dieser Zellsubstanzen zu kennen? Um dies ermessen zu können, muß man sich die Funktionen der Nukleinsäuren in der Zelle vergegenwärtigen.

Die lebende Zelle wird oft mit einer chemischen Fabrik verglichen; zutreffender ist der Vergleich mit einem Industriegebiet, denn in der Zelle befinden sich zahllose Produktionsstätten, die allerlei Stoffe herstellen, Mineralien, wie sie auch in der unbelebten Natur vorkommen, und höchst komplizierte organische Substanzen, darunter die Proteine, die vielen verschiedenen Eiweißstoffe.

Das Rohmaterial, das von diesen Fabrickomplexen in die Bestandteile unserer Gewebe, unser Knochen, Haare, Fingernägel, in Blut oder Hormone und zum Teil in Energie umgewandelt wird, liefert unsere Nahrung und der Sauerstoff, den wir atmen. Wie aber wird die Arbeit dieses gewaltigen Industriekomplexes „Zelle“ koordiniert? Wer bestimmt, was die einzelnen Proteinfabriken, die Ribosome, herstellen sollen, wann sie das zu tun haben und in welchem Umfang?

Wir wissen, daß sich diese Zentralverwaltung im Zellkern befindet, in den Chromosomen, die ja auch für die Kontinuität des Lebens sorgen, also dafür, daß bei einer Zellteilung die beiden neu entstandenen Industriegebiete fortfahren können, in gleicher Weise zu funktionieren, und daß bei der Vereinigung von Keimzellen das neue Lebewesen die notwendigen Instruktionen zur Erhaltung der Art mitbekommt.

Seit einigen Jahren haben wir auch eine Vorstellung davon, wie die Eiweiß-Produktionsanordnungen in den Chromosomen formuliert sind, wie die einzelnen Anweisungen den verschiedenen Proteinfabriken überbracht, und wie sie dort entgegengenommen werden. Just das nämlich ist die Aufgabe der Nukleinsäuren.