Die zukünftigen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ost und West (III.)

Von Zbigniew Brzezinski

In den letzten Jahren ist die Wirtschaft Osteuropas – und im geringeren Umfang die der Sowjetunion – in eine recht kritische Lage geraten. Daher wünschen die Länder Osteuropas engere wirtschaftliche Beziehungen mit dem Westen, in einigen Fällen sogar beträchtliche westliche Kredite. Der Ost-West-Handel könnte also zu einem Aktivposten für die westliche Politik werden. Er sollte genutzt werden.

Wer im Westen die Ausweitung dieses Handels mit der Begründung ablehnt, er laufe auf eine Unterstützung der kommunistischen Regierungen hinaus, sieht die Tatsachen nicht: Erstens einmal wird der Ost-West-Handel weiter wachsen – allem amerikanischen Widerstand zum Trotz, und zweitens bieten die Kommunisten in dem Maß, wie sie Handel und Kredithilfe des Westens dringend benötigen, auch Ansatzpunkte, um politisch auf sie einzuwirken.

Die kommunistischen Führer haben keinen Hehl aus ihrer Überzeugung gemacht, daß die wirtschaftliche Überlegenheit ihres Systems, die sich über kurz oder lang erweisen müsse, ihnen den Weg zur Weltherrschaft bahnen werde. Eine Hilfe für ihre wirtschaftliche Entwicklung läßt sich daher nur dann rechtfertigen, wenn sich dabei gleichzeitig auch andere Konsequenzen ergeben: Die sowjetische Entschlossenheit, die Welt zu beherrschen, muß ausgehöhlt und strukturelle Reformen im kommunistischen Wirtschaftssystem müssen erzwungen werden; außerdem muß diese Hilfe zu immer engeren Kontakten und zu einer wachsenden Freizügigkeit für Menschen und Ideen führen.

Diese Veränderungen werden allerdings nicht einfach zwangsläufig, sondern nur unter ständigem Druck entstehen. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Osten provozieren Machtkonflikte größten Ausmaßes und tragen so zu einer Lockerung des kommunistischen Gefüges bei. Es läßt sich ja schließlich kaum übersehen, daß die stärksten Impulse zur Liberalisierung – die Malenkow-Ära in Rußland sowie die spätere Chruschtschow-Ära wirtschaftlicher Dezentralisierung, die erste Nagy-Ära in Ungarn und die jüngsten Reformen in der Tschechoslowakei – gerade deshalb entstehen konnten, weil gleichzeitig die Wirtschaft unter schweren Krisen litt.

Diese Krisen leiteten Wasser auf die Mühlen der Reformer, die eine Liberalisierung des Systems befürworteten; sie unterminierten die Stellung jener, die einer Entscheidung zwischen politischem Totalitarismus und wirtschaftlicher Reform aus dem Weg gehen wollten. Nach Meinung vieler Beobachter ist es daher kein Zufall, daß gerade die Außenhandelsfunktionäre kommunistischer Länder unter all denen, die für strukturelle Reformen ihres Wirtschaftssystems plädieren, an erster Stelle stehen. Wenn der Westen also eine undifferenzierte, starre Haltung in Handels- und Kreditfragen einnimmt, so spielt er damit jenen herrschenden kommunistischen Funktionären in die Hände, die jeden entscheidenden Wandel im Inneren zu verhindern trachten.