Der Bilanzreigen der deutschen Stahlindustrie hat begonnen. Es wird ein abwechslungsreiches Bild werden in diesem Jahr, in dem die Stahlkonzerne nicht mehr die einheitliche Melodie spielen wie in den vergangenen Jahren. Das haben bereits die ersten vorliegenden Abschlüsse gezeigt. Allein der Bruch mit der fast schon zur Tradition gewordenen Einheitsdividende der Stahlunternehmen durch Thyssen ist ein markantes Signal. Das Bild in der Stahlindustrie ist differenzierter geworden. Bei anhaltend scharfem Wettbewerb auf dem Inlandsmarkt und im Export ist die Stahlkonjunktur nicht mehr allein entscheidend für das Wohl und Wehe des einzelnen Unternehmens. Technischer Zuschnitt und die unternehmerische Konzeption sind zu einer wichtigen Voraussetzung für den Erfolg geworden. Die rein konjunkturellen Impulse nehmen jetzt nur noch den zweiten Rang ein.

In dieser veränderten Situation hat sich die Hoesch AG in Dortmund ausgezeichnet zurechtgefunden. Sie kann einen sehr guten Abschluß vorlegen, mit dem sie sich eine sichere Position in der Spitzengruppe der großen Montankonzerne erobert hat.

Immer klarer zeichnen sich die Konturen des Konzerns ab, der sicher und fest auf drei, wenn auch nicht unbedingt gleich starken Beinen steht: Kohle, Stahl und Stahlverarbeitung. Das Rückgrat der Hoesch-Gruppe aber bleibt die Stahlerzeugung. Fast die Hälfte des Konzernumsatzes entfällt auf die Westfalenhütte, die auch nach wie vor der Ausgangspunkt aller Planungen der Verwaltung ist. Hoesch bleibt ein Montanunternehmen.

Es liegt vielleicht sogar im Bereich des Möglichen, daß auch hier eines Tages mit anderen als den bisher üblichen Größenordnungen in der Stahlerzeugung gerechnet werden muß. Erneut betont der Geschäftsbericht die für die Stahlindustrie zwingende Notwendigkeit einer weitreichenden überbetrieblichen Zusammenarbeit, eine Entwicklung, für die Hoesch zusammen mit der Dortmund-Hörder Hüttenunion AG seinerzeit der Schrittmacher an der Ruhr gewesen ist und die sich seither für beide Unternehmen bewährt hat. Jetzt heißt es, die Werke würden in Zukunft „zu noch tieferer und weitergreifenderer Zusammenarbeit gedrängt werden“. Wenn man dabei berücksichtigt, daß der Konzernchef Ochel eine Rohstahlbasis von 6 Millionen Jahrestonnen für ein Unternehmen für richtig hält – Hoesch allein hat im vergangenen Geschäftsjahr 2,6 Millionen Tonnen erschmolzen –, könnten hier eines Tages auch andere Konzentrationsmaßnahmen im Dortmunder Raum, die über die bisherige überbetriebliche Zusammenarbeit hinausgehen, zur Debatte stehen.

Denkbar – wenn auch des öfteren dementiert – wäre eine kapitalmäßige Verbindung der beiden Unternehmen über den holländischen Großaktionär der Dortmund-Hörder Hüttenunion, die Koninklijke Nederlandsche Höogovens en Staalfabrieken N. V. Diese Version wird durch Gerüchte genährt, die oft diskutierte, aber immer wieder verschobene Kapitalerhöhung der Hoesch AG werde gegen Ende des Kalenderjahres akut werden, so daß hier der Anstoß für die Geburt eines neuen europäischen Stahlriesen liegen könnte. Ein Gebilde aus Hoesch und Dortmund-Hörder Hüttenunion würde nahe an die 6 Millionen Tonnen Stahlerzeugung herankommen, die Hoesch-Chef Ochel als Konzernbasis für angemessen hält.

Das sind bis jetzt natürlich nur Kulissengespräche: im Vordergrund stehen vorerst noch die eigentlichen Ausbaupläne für die vorhandenen Anlagen. Bei der Westfalenhütte steht der Bau eines Blasstahlwerkes auf dem Investitionsprogramm, das zwar auch eine Kapazitätsausweitung, hauptsächlich aber den Ersatz für ein stillzulegendes Thomas-Stahlwerk bringen soll. Mit diesem Projekt, das in der ersten Ausbaustufe 120 Millionen Mark kosten wird, braucht sich die Gesellschaft zwar finanziell nicht zu strapazieren, aber der von den Abschreibungen nicht gedeckte Finanzierungsbedarf wird größer sein als in den vergangenen Jahren. Schon van dieser Seite wird die seit Jahren diskutierte Erhöhung des Grundkapitals von jetzt 375 Millionen Mark akut werden.

Die Dortmunder Verwaltung wird vor der Aufnahme neuen Kapitals keine Angst haben, denn auch das neue Jahr verspricht wieder ein Volltreffer zu werden. Hoesch rechnet für das laufende Jahr noch einmal mit einem Umsatzplus. Nach einem Konzernumsatz von knapp 2,2 Milliarden Mark im Berichtsjahr lautet nunmehr die noch recht vorsichtig angepeilte Zahl für 1964/65 2,35 Milliarden Mark. Dabei sind bereits empfindliche Einbußen bei der Kohle einkalkuliert, so daß die insgesamt zu erwartenden Zuwachsraten also ausschließlich von der Hütte und von der Verarbeitung getragen werden. Die schon in der zweiten Hälfte des vergangenen Geschäftsjahres erreichte absolute Vollbeschäftigung der Produktionsanlagen dürfte auch weiterhin anhalten. Der Optimismus im Hause Hoesch kommt nicht von ungefähr.