Carlo Schmid: Tätiger Geist. Gestalten aus Geschichte und Politik; Verlag J. H. W. Dietz, Hannover; 224 Seiten, 19,80 DM.

Bei wenigen Deutschen hat sich die Verbindung zwischen staatlicher Tätigkeit und Geist so innig vollzogen wie bei Carlo Schmid. Die Ungunst der Entwicklung hat ihm ein hohes Staatsamt vorenthalten, zu dem er berufen gewesen wäre; aber er hat dem deutschen politischen Leben, insbesondere dem parlamentarischen Leben, das bei uns gewöhnlich grau und farblos ist, oft Glanz verliehen. Wenn man diesen Band mit einigen Aufsätzen und Redetexten von Carlo Schmid liest, so bedauert man fast, daß ihm die parlamentarische Arbeit nicht die Zeit gelassen hat, in einem großen Werk seine Einsichten niederzulegen.

Der Bogen der Bildnisse spannt sich, von Machiavell über Rousseau und ein halbes Dutzend anderer bedeutender Männer bis zu Kurt Schumacher. Wieder findet man zahlreiche Stellen, in denen die Sprache Schmids ihre Leuchtkraft entfaltet. Wichtiger noch sind die tiefen Einsichten über das Wesen der handelnden Menschen und des staatlichen Geschehens. Und wieder entdeckt man in Schmid, dem aufmerksamen und kühlen Beobachter der Machtpolitik, auch den großen Moralisten, der die Bestimmung des Menschen darin sieht, einer sittlichen Idee zu dienen, „seinen Sinn in sich selber zu tragen und ihn zu entfalten in dem Licht, das sich im Prisma der geschichtlichen Welt in allen Regenbogenfarben bricht“.

Aber man scheidet von dem Buch nicht ohne Bedauern. Wann endlich wird Carlo Schmid seine Kunst der seelischen Analyse und seine Fähigkeit, den geschichtlichen Menschen in großem Zusammenhang zu sehen, an die beiden Gestalten wenden, die uns Deutsche immer noch am meisten beschäftigen, beunruhigen, verstören und verzaubern: Friedrich und Bismarck? A. E.