DIE ZEIT

Attacke auf Bonner Tabus

Erich Mende hat kein Blatt vor den Mund genommen. Seine Rede auf dem Parteitag der Freien Demokraten war eine Generalabrechnung mit jenen beschönigenden Phrasen, die bei uns immer noch im Schwange sind und die ein Volk, das sich auf Wahlen rüstet, darüber hinwegtäuschen sollen, daß die deutsche Politik des Jahres 1965 ganz und gar nicht mehr in Einklang ist mit der Wirklichkeit des Jahres 1965.

Parlamentarische Feuerwehr

Immer wieder klagen wir alle darüber, daß das Auswärtige Amt, die Regierung, ja Bonn ganz allgemein phantasielos sind, vollständig unelastisch und ganz ohne Einfall.

Von Erhard enttäuscht

Auf ihrem Parteitag in Frankfurt, dem letzten vor der Bundestagswahl, demonstrierte die FDP eine maßvolle Zuversicht. Das Stimmungstief ist offensichtlich überwunden.

De Gaulles Fernseh-Allianz

Die gaullistische Europa-Vision „vom Atlantik bis zum Ural“ soll zuerst auf den Bildschirmen sichtbar werden – und zwar in französisch-russischen Farben.

Diplomaten als Sündenböcke

Es ist gut, daß wir in Bonn einen Außenminister und das Auswärtige Amt und im Ausland Botschafter haben. So haben wir in dieser schwierigen Zeit wenigstens Leute und Institutionen, die die Rolle von Sündenböcken übernehmen können, das gehört bei uns seit Anfang des Jahrhunderts zur Tradition.

Zeitspiegel

„Es ist vielleicht in der Kirche noch nie so eifrig und so geschäftig zugegangen wie jetzt; aber das alles macht das Schiff der Kirche, das sich in Sand und Schlick festgefahren hat, nicht wieder flott: da muß erst die Flut kommen.

Vom Siedler zum Staatsmann

Die SED hatte sich am Wochenende einen neuen Gag ausgedacht. Gerade als sich der Sonderbeauftragte Bundeskanzler Erhards, der Bundestagsabgeordnete Kurt Birrenbach, in Jerusalem für sein Schlußgespräch mit dem israelischen Ministerpräsidenten Levi Eschkol rüstete, verbreitete „Neues Deutschland“ die Nachricht, Birrenbach sei 1933 in die NSDAP und in die SA eingetreten.

Der Marsch der schwarzen Amerikaner

Die Nächte waren noch winterlich kalt, die Füße schmerzten, und beim Passieren von Ortschaften wurden ihnen hier und da unfreundliche Worte von weißen Segregationisten zugerufen.

Aufklärungsflug zu Ben Bella

„Ich reise nicht als Bundestagsabgeordneter und auch nicht als Abgesandter der Bundesregierung, sondern als Präsident der Deutsch-Algerischen Gesellschaft, aber in Übereinstimmung mit dem Auswärtigen Amt.

Wolfgang Ebert:: Wahrheiten

Im kommenden September steht uns – hoffentlich – kein Kriegsausbruch bevor, sondern nur die Wahl zum nächsten Bundestag. Aber das genügt durchaus, um einen unsicher und nervös zu machen.

Bonner Fernseh-Krieg

Der Bundesrat hütet wachsam seine im Grundgesetz so eng gezogenen Gesetzgebungskompetenzen. Er wird dem Gesetzentwurf der CDU-Abgeordneten Blumenfeld und Rasner, den sich die Koalition zu eigen gemacht hat, nicht zustimmen, wie der baden-württembergische Justizminister Haussmann in der Bundestagsdebatte deutlich durchblicken ließ.

„An die Arbeit, ihr Faulpelze!“

Der polnische Publizist und Parlamentsabgeordnete Stefan Kisielewski richtete in einer Glosse, die er letzte Woche in der katholischen Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ veröffentlichte, einen leidenschaftlichen Appell an die polnische Jugend.

Russisches Lächeln über die Steinmauer

Die einzige Überraschung, die Gromykos Londoner Besuch gebracht hat, ist die Entdeckung, daß der sowjetische Außenminister, der so viele Jahre lang mit düsterer und verbissener Miene „Njet“ sagte, auch mit gewinnendem Charme „Njet“ sagen kann.

Pariser Winkelzüge

Das einzige Land, das die italienische Einladung zu einer Konferenz der Außenminister über eine politische Union Europas noch nicht beantwortet hat, ist Frankreich.

Ein Marshallplan für Osteuropa

In den letzten Jahren ist die Wirtschaft Osteuropas – und im geringeren Umfang die der Sowjetunion – in eine recht kritische Lage geraten.

Kampfgas gegen Vietkong

Der amerikanische Luftkrieg in Nordvietnam wurde nun auch auf bewegliche Ziele ausgeweitet, jedoch blieb der erhoffte Erfolg weiterhin aus: Die Guerillas im Süden des Landes setzen ihre Überfälle fort.

Subventionierte Zeitungen?

Schweden will die parteigebundenen oder -orientierten Zeitungen staatlich subventionieren. Wenn im Reichstag alles so geht, wie es sich die Regierung wünscht, erhalten die Blätter schon vom Jahresbeginn 1966 an Zuwendungen aus Steuermitteln.

Die politische Witwe

Ceylon war seit 1960 das einzige Land der Welt, das von einer Ministerpräsidentin regiert wurde. Seit der Wahl am Montag, die keiner der großen Parteien eine eindeutige Mehrheit brachte, ist es ungewiß, ob Sirimavo Bandaranaike das Staatsruder in der Hand behalten kann.

Enteignungen in der Dritten Welt

Eine neue „anti-kolonialisfische“ Welle geht zur Zeit durch einige Länder der Dritten Welt. Nasser bedrängt die arabischen Staaten, den Erdölvertrieb zu nationalisieren und die Gewinnanteile der Gesellschaften zu schmälern.

Namen der Woche

Gaston Defferre, sozialistischer Bürgermeister von Marseille und vermutlicher Gegenkandidat de Gaulles bei der Präsidentenwahl im Dezember, hat trotz vieler Winkelzüge der Gaullisten und der Kommunisten seine Wiederwahl sichern können.

An die Kremltür klopfen

Das Thema Deutschland soll nach dem Willen der Engländer und der Amerikaner nicht in der Versenkung verschwinden. Selbst die Erklärung des sowjetischen Außenministers Gromyko in London, daß die Teilung Deutschlands jetzt vollkommen sei, hat die alliierten Staatsmänner nicht entmutigen können.

Gut Ding will Weile haben

Die Bundesregierung will sich mit den diplomatischen Beziehungen zu Israel noch etwas Zeit lassen. Erst soll die Aufregung der Araber etwas abklingen, ehe der erste deutsche Botschafter nach Jerusalem oder Tel Aviv entsandt wird.

Von ZEIT zu ZEIT

Den 19. September hat der Bundespräsident auf Vorschlag der Bundesregierung als Termin für die Bundestagswahl bestimmt. Der ehemalige Hamburger Bürgermeister Max Brauer ist beim Kampf um eine Kandidatur für den Bundestag endgültig unterlegen.

Ausstieg ins Nichts

Wir haben es in der Schule gelernt: Von selbst kann ein Körper seine Geschwindigkeit nicht ändern, er tut es nur, wenn eine Kraft auf ihn einwirkt.

Längere Verjährungsfrist

Der Rechtsausschuß des Bundestages hat seinen Auftrag, einen Gesetzentwurf zur Verlängerung der Verjährungsfrist für Mord abzuarbeiten, mit Umsicht erfüllt.

Der "gute Mensch von Auschwitz"

Viele haben harte, abstoßende Gesichter, manche grinsen höhnisch, wenn sich einmal ein polnischer oder russischer Zeuge verhaspelt, einige springen zackig auf, legen die Hände an die Hosennaht, knallen die Hacken zusammen und sagen "Jawoll", sobald der Vorsitzende sie anspricht.

Mit dem Stempel des Geheimnisses

Als die Handballer des Sportklubs Steinheim am Albuch von einem Freundschaftsspiel, das sie über die Zonengrenze ins thüringische Riesa geführt hatte, in ihren Heimatort bei Heidenheim an der Brenz zurückkehrten, brachten sie aufregende Neuigkeiten mit: Funktionäre des kommunistischen FDGB in Riesa hätten ihnen erzählt, bei Steinheim würde ein Munitionslager der Bundeswehr gebaut.

Straußens Mißgriff

Im alteingesessenen Kaufhaus Heilingbrunner im oberbayerischen Moosburg wäre der junge Mann früher als Commis bezeichnet worden.

Radau in Randers

Am Wochenende kehrte die in Plön stationierte Pionierkompanie der Bundeswehr von einer mehrtägigen Übung im Gebiet von Randers in Mitteljütland in ihre Garnison zurück.

Nach dem Bad ein Pharisäer

Sogenannte Sittenprozesse finden immer großes Interesse. Die allgemeine Neugier läßt sich dabei so angenehm mit der Empörung über Sündhaftigkeiten verquicken, die man selber natürlich niemals begehen würde.

„Der preußische Räuberhauptmann“

Das bayerische Herz schlägt am heftigsten gegenüber der Münchner National-Oper. Im Haus Residenzstraße 13, einem alten gotischen Bürgerhaus mit denkmalgeschütztem Innenhof, findet sich im zweiten Stock ein kleiner Blechbriefkasten.

Münster – und kein Ende

Mit der Zeit und mit der Zahl der Merkwürdigkeiten und Makel, die den Namen der Westfalen-Metropole Münster verunzieren, wächst in der Brust des Unbeteiligten auch ein gewisses Verständnis für die landsmannschaftlichen Besonderheiten der Bürger dieser Stadt.

Seraphine oder Wundersames von der Tante Flora

Ein Zug fährt ab, Dampf und großes Getöse, eine Nonne winkt, im Waggon drängen sich kleine Mädchen und sitzen ein Mann, der Zahnweh hat, und einer, der Daniel heißt, Zoowärter ist, hin und wieder aufschluchzt, von seiner Frau begleitet wird und ihr und sich von seinem letzten Geld die Fahrkarten gekauft hat.

Unser Kritiker sah:: Stuttgarter Pannen

Die jüngste Premiere der Hamburgischen Staatsoper hatte mich neugierig auf Stuttgart gemacht. Beide Bühnen wollten im Abstand von acht Tagen „Die Heimkehr des Odysseus“ von Claudio Monteverdi herausbringen.

Fernsehen: Die Buddenbrooks im Hör-zu-Stil

Thomas Mann und Hofmannsthal waren Freunde des Kinos; während sich der eine, mit problematischem Sukzeß, an einem Drehbuch versuchte, nahm der andere die Verfilmungen eigener Stoffe mit freundlichem Wohlwollen auf: „Den Filmleuten fällt immer etwas ein“, ließ man in Kilchberg verlauten, und das hieß so viel wie „recht hübsch, recht brav, meine Kinder, macht nur so weiter und seid meines Zuspruchs gewiß“.

Was aber bleibet?

Es ist still geworden um ihn. Jünger und Benn und Brecht – nach „45“ gehörten sie in die erste Reihe der großen Anreger, die es nachzuholen, neu zu entdecken, neu zu bestreiten, neu zu lobpreisen galt.

Weder Buh noch Bravo

Wir müssen uns bemühen, anspruchsvolle Hörer für anspruchsvolle neue Musik heranzubilden“, heißt es im Bulletin des Musikrates der DDR zu den Grundaufgaben sozialistischer Kulturpolitik.

Kritik der Kunstkritik

Auch die Kunstkritik hat ihre guten Hirten. Glanz bringt ihr Besuch in das trübste Atelier, ihre Teilnahme adelt jede Jury, ihr Auftritt in den Galerien läßt die Herzen höher schlagen, denn ihr Wort, ihr Urteil ist das Wort, das Urteil schlechthin.

Deutscher Arbeitsmarkt

Da man den deutschen Arbeitnehmern die Annahme eines Arbeitsplatzes im Ausland nicht einfach verbieten kann, versucht man, wenigstens die Vermittlung zu erschweren oder zu verhindern.

Porträt des Komponisten Hanns Eisler

Den inneren Konflikt der linken Intellektuellen habe im Bereich der Musik niemand sichtbarer verkörpert als Hanns Eisler, der seine geistige Formung zwischen zwei Fronten erfuhr.

Kleiner Kunstkalender

Mit seinem kürzlich erschienenen Buch hatte Wieland Schmied sich publizistisch für seine Wiener Malerfreunde ins Zeug gelegt.

Neue Schallplatten

Im Opus 6 Georg Friedrich Händels stecken zwölf „Concerti grossi“. Sie werden sauber und stilecht, also vollkommen, gespielt von der „Schola Cantorum Basiliensis“ unter August Wenzingers Leitung.

Zeitmosaik

Wie in jedem Jahr im März wurden in Berlin der „Berliner Kunstpreis“ und der Preis „Junge Generation“ (10 000 und 5000 Mark) vergeben.

Heute vor 20 Jahren:: Frankfurt unglaubwürdig

Die Amerikaner sind in wenigen Tagen vom Rhein bis nach Gießen, Limburg, Würzburg und in den Spessart durchgebrochen. Der Rundfunk hat die Ereignisse nicht erläutert, sondern nur mitgeteilt.

Brief aus Krähwinkel

vorab eine sehr aktuelle Nachricht: die Welt wird untergehen. Vorgestern abend konnte ich gar nicht recht einschlafen, nachdem ich es erfahren hatte.

Hans Mayers Büchertagebuch (3): Vater Puntila und seine Kinder

Daß die tragisch-heroischen Gestalten der griechischen Dramatik und Mythologie immer wieder von den nachlebenden Dramatikern auf die Bühne gezerrt, neu gedeutet und „umfunktioniert“ zu werden pflegen, finden wir nicht im mindesten anstößig oder epigonenhaft.

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ES GEFÄLLT, weil es die Prägnanz der Wölfflinschen Aussage, das Miteinander von Noblesse und Denkstrenge, von Tiefenlotung und eigenwilliger Knorrigkeit bewahrt.

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