Der amerikanische Luftkrieg in Nordvietnam wurde nun auch auf bewegliche Ziele ausgeweitet, jedoch blieb der erhoffte Erfolg weiterhin aus: Die Guerillas im Süden des Landes setzen ihre Überfälle fort.

Eine unverhoffte Wirkung erzielten die amerikanischen Militärs allerdings mit der neuesten Spielart ihrer Eskalation: Seit einiger Zeit blasen US-Hubschrauber über Vietkong-Stellungen „versuchsweise“ Brechreiz- und Tränengas ab. Wegen dieses Rückfalls in Kampfmethoden des Ersten Weltkrieges (zum letztenmal wurde Kampfgas von den Italienernim Abessinienkrieg 1935/36 verwendet) wandten sich eine Reihe von Labour-Abgeordneten empört an Premierminister Wilson, woraufhin sein Außenminister Stewart in Washington eine geharnischte Presseerklärung losließ. „Die Vereinigten Staaten sollten“, sagte er, „die Meinungen der Menschheit gebührend achten, so wie es in der Unabhängigkeitserklärung verkündet wurde.“

Prompt antwortete das Weiße Haus, Präsident Johnson sei vor dem Einsatz des Gases nicht befragt worden. Die Militärs trügen dafür die Verantwortung. Vom Pentagon war aber zuvor schon mitgeteilt worden, das State Department sei konsultiert worden, habe jedoch nichts einzuwenden gehabt.

Allzu große militärische Wirkung hat das Gas übrigens noch nicht gehabt. Die Hubschrauber müssen bei Gaseinsätzen so tief fliegen, daß sie ins Gewehrfeuer der Vietkong geraten, und die südvietnamesischen Truppen können Erfolge nicht ausnutzen, weil sie selber nicht genug Gasmasken haben.

Düsenjägerangriffe scheinen den Vietkong ebenfalls nicht viel auszumachen. In der Nähe von Danang flogen zum Beispiel 53 US-Maschinen zwei Einsätze mit Bomben, Raketen und Bordwaffen gegen einen Stützpunkt, in dem sich tausend Partisanen aufhalten sollten. Die Vietkong waren aber längst durch Spione vorgewarnt und entkommen.

Zuweilen nimmt der Krieg in Südvietnam groteske Formen an. Mehrere wichtige Flugplätze der Amerikaner und der Südvietnamesen werden regelmäßig durch Tankwagenkonvois mit Flugzeugbenzin versorgt. Die Vietkong lassen diese Transporte ungehindert passieren, obwohl der Treibstoff für US-Düsenjäger bestimmt ist. Den Partisanen ist es wichtiger, für jeden Lastwagen fünf bis sieben Dollar zu kassieren. Das Geld muß von den südvietnamesischen Transportfirmen aufgebracht werden. Die Vietkong bezahlen damit ihren Nachschub oder bestechen Regierungsbeamte

Niemand in Washington oder Saigon vermag zu sagen, wie lange die Luftangriffe gegen Ziele in Nordvietnam noch fortgesetzt werden sollen. Auf die Frage, was die USA Hanoi für den geforderten Rückzug der Vietkong aus Südvietnam bieten würden, antwortete ein US-Politiker halb im Scherz: „Wir können jederzeit mit dem Bombardement aufhören.“