Die Staatskanzlei in München beeilte sich mit der Mitteilung, daß sich, entgegen anderslautenden Pressemeldungen, Ministerpräsident Goppel „dazu“ noch nicht geäußert habe. Dei Verein der Bayerischen Papier-Pappen-Zellstoff- und Holzstoff Industrie ließ durch seinen Syndikus mitteilen: „Eine Förderung durch die öffentliche Hand bedeutet ein Vabanquespiel mit Steuergeldern, für das die um ihre Marktbehauptung ringende Zellstoff- und Papierindustrie kein Verständnis besitzt.“

Ein kanadischer Papier-Konzern „The Kruger’s Organisation Ltd.“, Montreal, ist der Stein des Anstoßes im Bayernlande. Man will wissen, daß der Ministerpräsident dem Landrat von Cham, Dr. Fischer, zumindest wohlwollende Unterstützung zugesagt habe, den Konzern an das Land zu fesseln. Von Mitteln im Rahmen der Grenzlandförderung soll dabei die Rede gewesen sein. Verständlich, daß der Landrat von Cham im Bayerischen Wald, wo das kanadische Unternehmen schon im November vergangenen Jahres das Gelände sondiert hatte, von dem Projekt einer Papierfabrik in Furth im Wald unmittelbar an der tschechoslowakischen Grenze begeistert ist. Registriert man hier doch eine Arbeitslosenquote von über 18 Prozent! Im bayerischen Wirtschaftsministerium betrachtet man die Entwicklung jedoch kritischer. Schließlich hat sich Bayern mit Millionenbeträgen bei der notleidenden Aschaffenburger Zellstoffwerke AG engagiert.

Eigentlich weiß man recht wenig über das, was geplant ist. Bekannt ist nur, daß die Kanadier für die neue Papierfabrik rund 14 Millionen Dollar investieren wollen; sie soll nach ihrer Fertigstellung etwa 750 Arbeitskräfte beschäftigen. Der Jahresbedarf wird auf 200 000 Raummeter Holz geschätzt, davon soll ein Teil aus Importen aus der Tschechoslowakei gedeckt werden. Fachkreise bestreiten indes, daß das erforderliche Faserholz-Kontingent ohne Preissteigerungen im ostbayerischen Raum aufgebracht werden kann.

Es ist auch die Rede davon, daß die Kanadier deutschen Interessenten eine Beteiligung einräumen wollen. Die in diesem Zusammenhang genannte, Schickedanz-Gruppe hat dies jedoch in Abrede gestellt. Für die Projektierung der Halbzellstoff- und Papierfabrik soll die Kraus-Maffei AG, München, in Aussicht genommen sein.

Fachleute erwarten, daß der Konzern die erzeugten Papiere teilweise zu Wellpapp-Kartonagen weiterverarbeiten will und in der dritten Verarbeitungsstufe eine Produktion von Wellpappen-Erzeugnissen anstrebt, die etwa ein bis zwei Drittel der gesamten bayerischen Wellpappenproduktion ausmachen würde.

Die Konkurrenten hat „auf die Palme gebracht“, daß die kanadische Gruppe angeblich zinsverbilligte Kredite zu 3,5 Prozent in Höhe von 35 Millionen Mark für die Dauer von fünfzehn Jahren wünscht. Sie weisen darauf hin, daß erst kürzlich zwei führende deutsche Hersteller Zellstoffkapazitäten stillgelegt haben, während nun mit Grenzlandförderungsmitteln neue Kapazitäten errichtet werden sollen. Wenn nicht in Bayern, dann wird eben im schleswig-holsteinischen Grenzgebiet gebaut, wo man gleichfalls von den Vergünstigungen einer Ansiedlung nahe der Grenze profitieren könnte, verlautete auch. Doch wird das norddeutsche Projekt als weit ungewisser als das bayerische bezeichnet.

Die Kritiker wenden vor allem ein, daß der Markt für Mittelwellen-Rohpapier für die geplante Produktionsmenge nicht zu vertretbaren Preisen aufnahmefähig sei. Zwar werden derzeit rund 100 000 t Mittelwellen-Papier auf Halbzellstoffbasis (sogenannten Flooting) importiert, doch befürchten die bayerischen Papierverbände einen Kampf um jeden Preis mit dem potenten Ausländer um den Marktanteil auf Kosten der heimischen Industrie.

Noch ist nicht abzusehen, ob sich die Hoffnungen des Chamer Landrats über die Ansiedlung der kanadischen Firma erfüllen. Bislang hat er in seinem Kreis schon Niederlassungen angesehener Firmen wie Siemens, Triumph-International, MAN und andere seßhaft gemacht. Das Kruger-Projekt würde einige Arbeit in den Kreis bringen. Der Bau eines Stausees und der zweigleisige Ausbau der Bahnstrecke nach Furth wäre wohl erforderlich. Ob sich dabei regionale Probleme und überregionale Interessen des bayerischen Staates koordinieren lassen, ist noch offen, wie überhaupt viele weitere Fragen. Die wichtigste dabei ist: Kann sich ein kanadischer Papier- und Zellstoffkonzern im bayerischen und deutschen Markt eine echte Chance ausrechnen? Spricht der Existenzkampf der Aschaffenburger Zellstoffwerke AG und die Tatsache, daß sich deutsche Firmen Einschlagsrechte in Kanada und anderswo gesichert haben, nicht dagegen? t.r.