HANNOVER (Kestner-Gesellschaft):

„Die Wiener Schule des phantastischen Realismus“

Mit seinem kürzlich erschienenen Buch hatte Wieland Schmied sich publizistisch für seine Wiener Malerfreunde ins Zeug gelegt. Jetzt hat er ihnen in der Annahme, daß ihre internationale Stunde gekommen sei, die erste deutsche Kollektivausstellung gewidmet. Sie wird nach Hannover in Leverkusen, Berlin und anderen deutschen Städten, schließlich auch noch in Amerika gezeigt werden, wo sie vermutlich mit besonderem Applaus und Erfolg rechnen kann, weil sie entschieden aus dem Rahmen des zeitgenössisch üblichen herausfällt und dem Bedürfnis nach Mystizismus, leicht verständlicher Psychosymbolik, Pikanterie und bengalischem Farbzauber mit Wiener Charme und Raffinement entgegenkommt. Die Wiener Schule hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der Malklasse von Professor Gütersloh formiert. Den Stil den sich die sehr jungen Maler damals in einer gespenstischen Situation, in einer absurden Realität am Vorbild der Alten Meister erarbeitet hatten, diese exakte, sauber konturierte, grellfarbige Beschreibung phantastischer Phänomene, haben sie bis heute ohne nennenswerte Variabilität beibehalten und durchgehalten. Die ausgestellten Bilder aus den Jahren 1946 bis 1965 beweisen den beharrlichen Nonkonformismus der Wiener Schule, ihre Immunität gegen Einflüsse aus Paris und Amerika. Der phantastische Realismus aus Wien – „Dämonie in jeder Sofaecke gutbürgerlicher Gemütlichkeit“ attestiert Wieland Schmied dieser späten Wiener Blüte des internationalen Surrealismus – signalisiert keinesfalls eine neue Epoche der Malerei. Er bedeutet eine abseitige und, zugegeben, sehr vernachlässigte Kunstprovinz, in der einige sehr reizvolle und andere ziemlich grauslige Dinge zu entdecken diese Schau Gelegenheit gibt. Die fünf Maler, die hier als die maßgeblichen Künstler der Wiener Schule vorgestellt werden, unterscheiden sich erheblich in ihrer Thematik und im geistigen Anspruch, aber auch und vor allem im Niveau. Ernst Fuchs liefert, neben altmeisterlich virtuosen Zeichnungen, in seinen religiösen Gemälden penetrante Proben eines Devotionalienkitsches, wie man sie in einer Kunstausstellung sonst nicht zu sehen bekommt. Sehr lustig, eine Mischung von Biedermeier und Prater, „Blumenball“ und „Mogelkuß“, sind die Bilder von Wolfgang Hutter. Erich Brauer inszeniert orientalische Märchen auf einer Unterwasserbühne, durch Anton Lehmdens Winterlandschaften geistern realistische Panzer und phantastische Vogelwesen. Mit Abstand der Beste ist Rudolf Hausner, der schon auf der zweiten documenta vertreten war. In seiner Adam-Serie unternimmt er eine strenge und disziplinierte Selbstanalyse, seine Stadtansichten „Urbania“, ebenso die „Fünfzehn Bälle“ von 1964 besitzen in ihrer nüchternen Härte mehr Magie als das meiste aus dem surrealen Gruselkabinett der Wiener Schule. – Die Ausstellung bleibt bis zum 4. April in der Kestner-Gesellschaft.

MÜNCHEN (Galerie Thomas):

„Harry Kramer“

Des deutschen Meisterkinetikers automobile Skulpturen erleben in der Galerie Thomas, einer der drei neuen Galerien, die sich in der Maximilianstraße etabliert haben und zusammen mit der alteingesessenen Galerie van de Loo eine Phalanx moderner Kunst darstellen, wie sie sonst keine Straße in einer deutschen Stadt zu bieten hat, ihre späte Münchner Premiere. Gerippe aus Eisendraht, Käfige in der Form von Kugeln, Türmen und Mauern, mit eingebauten Zahnrädern und Motoren, die das Gebilde in Bewegung versetzen, wobei sich die einzelnen Teile in verschiedenen Rhythmen drehen und der ganze Kreislauf gelegentlich durch klingelnde oder ächzende Geräusche skandiert wird. Das Amüsanteste und Witzigste, was in diesem Genre auf den Kunstmarkt gekommen ist. – Bis Ende März.

FRANKFURT (Kunsfverein):