Manchmal hat es den Anschein, als ob in unserem Lande wirtschaftliche Größe als etwas Anrüchiges, wirtschaftlicher Einfluß als etwas Gefährliches und Gutverdienen als etwas Unmoralisches angesehen wird. Diese Haltung ist angesichts des so eindrucksvoll verbreiteten Wohlstands nur aus dem bei uns – anders als im Ausland – vorherrschenden, oft einseitigen sogenannten Mittelstandsdenken zu erklären, das Funktionäre aus durchsichtigen Gründen auf ihr Panier schreiben.

Das gilt vor allem für die Frage der Unternehmenskonzentration, von der die Neue Zürcher Zeitung schrieb, man könne im Ausland darin nur eine „querelle allemande“ erblicken. Daß die öffentliche Meinung im Ausland die Konzentration ganz anders beurteilt, zeigt auch der Aufruf des Präsidenten der Dachorganisation der französischen Unternehmerverbände, M. Villiers, die französische Industrie solle sich stärker als bisher um die Konzentration ihrer Kräfte bemühen. Europa brauche Unternehmungen, die in ihrer Leistungsfähigkeit den großen amerikanischen Gesellschaften vergleichbar seien.

Wir können diese Feststellung nur rückhaltlos unterstreichen. Die Frage ist heute nicht, ob unsere Unternehmen zu groß, sondern ob sie groß genug sind. Das Mißverhältnis in der Größenordnung zwischen den amerikanischen und den europäischen Unternehmen kann auf die Dauer nicht ohne Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Gesellschaften in einer von Marktschranken zunehmend befreiten Welt bleiben. Wenn wir nicht aus dem Kampf um die Weltmärkte ausscheiden wollen, ist eine weitere Konzentration notwendig. Das – am Umsatz gemessen – größte deutsche Unternehmen, das Volkswagenwerk, hat nur ein Zehntel des Umsatzes von General Motors. Der Gewinn von General Motors allein ist so groß wie der ganze Umsatz des Volkswagenwerkes.

Die General Electric setzt mehr als das Dreifache des Hauses Siemens um. Ihr Umsatz übersteigt den der fünf größten Elektrounternehmen der EWG.

Von den 30 größten Industriegesellschaften der Welt sind 25 in den USA ansässig. Europa stellt in dieser Spitzengruppe Shell, Unilever, British Petroleum, Nestle und den britischen Chemiekonzern ICI. Ein deutsches oder französisches Unternehmen sucht man vergeblich unter den dreißig größten der Welt. Unser Haus steht, gemessen an der Höhe des Umsatzes, erst an 37. Stelle.

Es besteht natürlich ein Zusammenhang zwischen der Größe des heimischen Marktes und der Größe der Unternehmen. Europa ist dabei, sich in der EWG einen Markt zu schaffen, der dem amerikanischen nicht viel nachsteht. Durch den europäischen Zusammenschluß werden aus großen Unternehmen im kleinen Markt kleinere Unternehmen im großen Markt. Unser Haus hat an der deutschen Elektroproduktion einen Anteil von etwa 20 Prozent, unser Anteil an der Elektroproduktion der EWG macht nur die Hälfte davon aus.

Die Amerikaner sagen, es gäbe bald einen großen europäischen Markt, aber keine Unternehmungen von europäischer Dimension. Europa schneidere sich einen Anzug, der für die europäischen Unternehmen viel zu weit sei und in dem die amerikanischen Unternehmungen noch Platz hätten. Von den tausend größten Gesellschaften der USA haben siebenhundert Zweigunternehmen in Europa; mehr als die Hälfte davon wurden erst in den letzten drei Jahren errichtet oder erworben. Die New York Times schrieb zu diesem Thema kürzlich, daß die Firmen in Europa im europäischen und amerikanischen Interesse sich zu leistungsfähigen Unternehmenszusammenschlüssen formieren müßten, damit die Vereinigten Staaten ihre Dollars und die Europäer ihre Unternehmen behalten könnten.