Von Hans Platschek

Auch die Kunstkritik hat ihre guten Hirten. Glanz bringt ihr Besuch in das trübste Atelier, ihre Teilnahme adelt jede Jury, ihr Auftritt in den Galerien läßt die Herzen höher schlagen, denn ihr Wort, ihr Urteil ist das Wort, das Urteil schlechthin. Es wird überliefert, nicht überprüft. Doch sind, zum Glück, ihre Schriften, die Quellen also, noch nicht verschollen, so daß jemand, der die wahre, die maßgebende Kunstkritik studieren will, auf Überlieferung nicht angewiesen ist.

Die wahre Kunstkritik, die maßgebende, lebt paradoxerweise unter Verschluß. Zwar bildet sie Meinungen über Bilder und Plastiken, zugänglich aber ist sie nur einer ganz geringen Anzahl von Eingeladenen. Jemand, der sich aufmacht, die maßgebende Kunstkritik zu suchen, wird sie an abseitigen Orten finden: in Ausstellungskatalogen; in Kunstzeitschriften, die sich nicht dank ihrer Leser, sondern dank der Unterstützung des Handels über Wasser halten; in dicken Büchern, die dick sind ihrer Kunstdrucktafeln wegen, weshalb man das Geschriebene fast immer übersieht; und, zur Eröffnung dieser und jener Schau, als Festreden, die nur der Zufall oder die Barmherzigkeit zum Druck befördert.

Kunstkritiker also, die sich schöpferisch nennen, unterscheiden sich von gewöhnlichen Zeitungsschreibern durch ihre Scheu vor dem Publikum. Ja, in Zeitungen schreiben dürfte geradezu ein Fehltritt sein, der dem Gruppenkodex widerspricht. Denn wer kann sagen, ob nicht das Geschriebene an Leser gerät, deren Urteilsvermögen keine Kritik geformt hat? Die rechte Kunstkritik ist keine Angelegenheit der Öffentlichkeit.

Bevor man also zur Sache selbst kommt, gerät man schon an einen Umstand, der Sorge bereitet. Warum ist Kunstkritik für wenige da? Warum das Berührungsverbot? Pocht Kunstkritik von vornherein auf den Beifall des Lesers? Die Fragen sind durchaus nicht überflüssig. Denn bei Licht betrachtet, liegt der Scheu vor dem Publikum ein Mißverständnis zugrunde: Die Kunstkritik verwechselt die Öffentlichkeit noch immer mit dem vor zwanzig, dreißig Jahren tätigen Blockwart. Wenn man sich diesen Blockwart aus gutem Grund vom Leibe hielt, so hält man sich die Öffentlichkeit ohne Grund vom Leibe, und das Ergebnis ist eine Résistance ohne Besatzung.

Damit indes ist noch nichts gesagt über das Wort, das Urteil schlechthin. Hier geben die Quellen Aufschluß. Wie also sieht Kunstkritik aus, wenn sie über Bilder oder Plastiken informiert?

Eduard Trier zum Beispiel berichtet folgendes über eine Plastik von Germaine Richier: „Als Symbol der Gefährdung schuf sie den ‚Don Quichotte mit dem Windmühlenflügel‘, den tragischen Helden der Einsamkeit. An den Rand seiner Welt gedrängt (Welt vertreten durch die Sockelplatte), ficht er seinen aussichtslosen Kampf gegen ein Phantom, das unverletzlich ist, weil es aus ihm selbst herausdringt.“ Was auffällt, hat man den Text durchforscht, ist die Kürze der Auskunft und die Vielfalt dessen, was Trier zusagen hat. Er braucht fünfundvierzig Wörter, um auszusagen, was in einem nüchternen Satz sich so liest:„Die Plastik ‚Don Quichotte mit‘ dem Windmühlenflügel“ ist an den Rand der Sockelplatte montiert.“