Vierzehn tote Sowjet-Kosmonauten sausen seit Jahren auf Satelliten- und Planetenbahnen durch das Weltall. Die Faszination, die von dieser makabren Vorstellung ausgeht, muß für viele unwiderstehlich sein. Wie wäre es sonst zu verstehen, daß in diesen Tagen die alte Mär von den auf Tonband festgehaltenen Notrufen desperater Piloten in verglühenden oder außer Kurs geratenen russischen Raumschiffen wieder einmal durch die Weltpresse ging.

Es ist die Geschichte, die zwei Radioamateure, die Gebrüder Judica-Cordiglia aus Turin, seit vier Jahren beharrlich erzählen und stets ein wenig weiter ausspinnen: In ihrer Funkbude wollen sie in den Jahren 1960 bis 1964 mehrfach auf den Frequenzen 19,995 und 19,989 Megahertz Sendungen sowjetischer Raumfahrer abgehört haben, aus denen hervorgegangen sei, daß eine unabwendbare Katastrophe unmittelbar bevorgestanden hätte. Von insgesamt vierzehn todgeweihten Astronauten empfingen Giovambattista und Achille Judica-Cordiglia angeblich solche letzten Worte. Einmal, so behaupten sie, hätte ein sterbender Kosmonaut in seiner Not gar einen Hilferuf in englischer Sprache an die ganze Welt gefunkt.

Doch gehört haben es nur die beiden italienischen Bastler. Niemand anderes vernahm diesen und all die anderen SOS-Rufe; keine der europäischen Satellitenwarten, etwa in Florenz, in Bochum oder Cambridge, keine der zahllosen Tag und Nacht besetzten Funk-Abhörstellen der Amerikaner rund um das Gebiet der Sowjetunion fing jene Verzweiflungsschreie aus dem Kosmos auf und auch nicht einer der vielen tausend Radioamateure, die seit dem ersten Sputnik-Start im Frequenzgebiet um 20 Megahertz nach interessanten Signalen fahnden, in dem Wellenbereich, in dem der Funkverkehr der Raumfahrt abgewickelt wird – der russischen wie der amerikanischen.

Es gehört gewiß kein Sachverstand dazu, sich klarzumachen, daß dies im höchsten Maße unwahrscheinlich ist, daß also die fliegenden Särge im Weltall nichts als Zeitungsenten sind.

Aber eine Sensation braucht nur saftig genug zu sein, dann durchbricht sie vielerorts die Schranken der Kritik, selbst in den Redaktionsstuben des Corriere della Sera, der die bereits hinlänglich bekannte Story der Brüder Cordiglia am Sonntag vergangener Woche kommentarlos brachte. Wenige Tage darauf druckten die meisten Tageszeitungen die haarsträubende Geschichte prompt ab, darunter anspruchsvolle deutsche und französische Blätter, ja selbst die sonst nicht gerade kritiklose „New York Herald Tribune“.

Leichen, die ewig um Erde und Sonne kreisen – wer kann es schon übers Herz bringen, so etwas in den Papierkorb zu werfen. Schließlich handelt es sich ja nur um Russen!

Auf den Frequenzen der sowjetischen Raumfahrtbehörde ist besonders vor dem Start eines Raumschiffes viel Betrieb. Die Bergung der knapp zimmergroßen Kapsel in einem Landegebiet von 200 Quadratkilometern muß funktechnisch geübt werden, denn da ist jede Minute kostbar. Jene Wellenbereiche werden von den Sowjets aber auch zu anderen Zeiten ausgenutzt, zum Beispiel für den Funkverkehr mit Forschungssatelliten und beim Training der Kosmonauten.