Porträt einer ungewöhnlichen Zeitschrift (II)

Von Richard Schmid

Mit Hilfe des scheinbar unscheinbaren Details, und sei es auch nur die Farbe der Krawatte oder des Anzugs, werden Menschen und Vorgänge wirklich. Vorausgesetzt allerdings, daß der Beobachter intelligent und sein Auge scharf und geschult ist und er jene sachliche Distanz einhält, die der Beobachtung zugute kommt. Weder die Emotion noch das Urteil des Beobachters hat sich vorzudrängen. Diese Distanz wirkt zuweilen ironisch oder ästhetisch – ob sie es ist oder nicht, sie ist ein Betriebsgeheimnis des „New Yorker“, das er seinen Mitarbeitern beizubringen versteht, so daß doch, bei aller Lebendigkeit der Darstellung, ein einheitlicher Stil erreicht wird, wie bei einer mittelalterlichen Bauhütte. Unter „Notes and Comment“, den nicht namentlich gezeichneten Glossen zu Beginn jeder Nummer, hat er kürzlich, hübsch bescheiden, den Ehrgeiz gestanden und formuliert, wie er sich vom herkömmlichen Journalismus unterscheiden möchte.

Dieser „stutzt und benennt alle Ereignisse 10, daß sie nur noch typische Eigenschaften haben. Die Nachricht ist dann nicht mehr wirklich neu, sondern nur ein frisches Beispiel eines vertrauten allgemeinen Vorkommnisses. Der Stil des Journalismus ist im großen und ganzen ein Code von genauen, immer wiederholten Konventionen, wie die Kunst der alten Ägypter... Wir möchten diese herkömmlichen Formeln nicht tadeln, die nötig sein mögen, damit das tägliche Wunder geschieht, journalistische Ordnung in das Chaos zu bringen. Wir suchen aber doch von Zeit zu Zeit nach einem volleren Ton menschlicher Verschiedenartigkeit (a richer note of human variety), ein kleines Stück Leben, an dem noch die Rinde dran ist“.

Dieser Stil bringt es mit sich, daß der „New Yorker“ in seinem Zeitkommentar ganz unsystematisch und lückenhaft ist. Im „Talk of the Town“ berichtet und plaudert er von Gesprächen, die er etwa mit einer reisenden Celebrität hatte, von der Jahresversammlung des Vereins der Ornithologen, von einer Veränderung im New Yorker Stadtbild durch ein Gebäude oder eine Brücke, von Korrespondenzen mit Lesern. Kaum je läßt er sich auf eine Polemik ein. Eine Ausnahme war die kurze Abwehr der zum Teil bösartigen Angriffe auf Hannah Arendt, als im Frühjahr 1963 ihr „Eichmann in Jerusalem“ in fünf Folgen im „New Yorker“ erschienen war. Der „New Yorker“ bringt regelmäßig Film-, Musik- und Theaterkritik; er berichtet über bildende Kunst und über Sport. Ganz plauderhaft und eine Spezialität des „New Yorker“ sind die Artikel „on and off the avenue“, wo das Angebot von Damenmoden, Inneneinrichtung, Spielwaren und so weiter in den New Yorker Kaufhäusern aus~~~~~ wird, mit Beschreibung und Preis; eine Rubrik, die sich recht problematisch ausnimmt, aber in Wirklichkeit ganz unabhängig und unverdächtig ist.

Schmerzhaft-satirische Spitzen

Zu den Berichten leichteren Gewichts gehören, mindestens teilweise, auch die Briefe aus London, von Molly Panter-Downes, und aus Paris, von Genêt (die eine Dame ist und identisch mit jener Janet Flanner, über die sich Thomas Mann geärgert hat). Aus Mittel- und Osteuropa berichtet häufig der vielgewandte und vielgereiste Josef Wechsberg. Meisterwerke sind oft die Berichte von „our far flung correspondents“, etwa die Berichte Christopher Rands, Alan Mooreheads, Robert Shaplens. Darin mischt sich oft das Liebenswürdig-Heitere mit dem historisch oder sozial Gewichtigen.