„Eine wundervolle Welt von Gedanken“ – Anmerkungen des Amateurs Winston S. Churchill

Ein Wochenend- und Ferien-Amateur, der während der letzten paar Jahre ein neues Vergnügen gefunden hat, möchte anderen von seimen Glück berichten. Das Alter von vierzig Jahren erreicht zu haben, ohne jemals einen Pinsel gehandhabt oder mit einem Stift herumgewurstelt zu haben, mit erfahrenem Auge das Malen jeder Art von Bildern als ein Mysterium betrachtet und mit offenem Mund vor den Kreidebildern des Straßenmalers gestanden zu haben und sich dann plötzlich mitten in eine neue und intensive Form des Interesses und der Tätigkeit mit Farben, Paletten und Leinwänden hineingetaucht zu finden und von den Ergebnissen nicht entmutigt zu sein – das ist eine erstaunliche und bereichernde Erfahrung. Ich hoffe, sie möge von anderen geteilt werden. Ich wäre froh, wenn diese Zeilen andere veranlassen würden, das Experiment zu versuchen, das ich versucht habe, und wenn wenigstens einige sich mit einem fesselnden neuen Vergnügen versehen fänden, das sie selbst bezaubert und jedenfalls weder Mensch noch Tier Gewalt oder Leid antut.

Ich hoffe, dies ist bescheiden genug, denn es gibt kein Thema, vor dem ich demütiger und zugleich natürlicher empfinde. Ich habe nicht vor, zu erklären, wie man malt, sondern nur, wie man Freude daran bekommt. Wenn du etwas nötig hast, deine Gedanken vom täglichen Kram abzulenken, deine Ferien zu erhellen, sei nicht gleich bereit, zu glauben, du könntest das Gewünschte hier nicht finden. Selbst im vorgeschrittenen Alter von vierzig! Es wäre doch jammervoll, Karten mischend oder sich balgend bei Golf und Bridge durch seine Spielzeit zu schlurfen, herummurksend, lungernd, von einem Absatz zum anderen wippend, überlegend, was in aller Welt man anfangen soll – wie es vielleicht das Geschick einiger unglücklicher Wesen ist –, während die ganze Zeit, wenn du’s nur wüßtest, eine wundervolle neue Welt von Gedanken und Kunst dicht bei der Hand ist, ein sonnenerhellter Garten, schimmernd von Licht und Farben, zu dem du den Schlüssel in der Westentasche hast. Wohlfeile Unabhängigkeit, ein beweglicher und dauernder Freudespender, neue geistige Nahrung und Übung, die alten Harmonien und Symmetrien in einer völlig veränderten Sprache, ein zusätzliches Interesse an jeder alltäglichen Szene, eine Beschäftigung für jede Mußestunde, eine unaufhörliche Reise zu verzaubernder Entdeckung – das sind hohe Gewinne. Vergewissere dich gut, ob sie nichts für dich sind. Schließlich, wenn du es versuchst und scheiterst, ist nicht viel Harm geschehen. Dann kannst du immer noch ausziehen und ein Tier töten, einen Rivalen auf dem Golfplatz demütigen oder einen Freund am grünen Tisch berauben.

Zuviel Ehrgeiz ist nicht gut

Wenn du aber geneigt bist – mag es auch spät im Leben sein –, eine fremdartige Sphäre von endloser Ausdehnung zu erforschen, dann laß dich überzeugen, daß die erste dazu notwendige Eigenschaft Kühnheit ist. Für eine bedächtige Annäherung ist wirklich keine Zeit. Zwei Jahre Zeichenunterricht, drei Jahre Holzschnitte kopieren, fünf Jahre Gipsabgüsse – diese umfassende Grundausbildung ist für jene, die den Anruf schon am Morgen ihrer Tage hören und daher imstande sind, das Malen zu ihrer höchsten lebenslänglichen Berufung zu machen. Die Wahrheit und Schönheit von Linie und Form, die ein wahrer Künstler mit der leichtesten Berührung und Drehung des Pinsels auf jeden Zug seines Entwurfs überträgt, muß auf lange, harte, ausdauernde Lehre und auf eine Praxis gegründet sein, die durch Gewohnheit instinktiv geworden ist. Wir müssen nicht zu ehrgeizig sein. Nach Meisterwerken können wir nicht trachten. Wir mögen uns mit einer Lustfahrt in einem Malkasten begnügen. Und dafür ist Kühnheit die einzige Fahrkarte.

Ich werde jetzt von meiner persönlichen Erfahrung berichten. Als ich die Admiralität Ende Mai 1915 verließ, blieb ich dennoch Mitglied des Kabinetts und des War Council. In dieser Stellung wußte ich alles und tun konnte ich nichts. Der Wechsel von den intensiven ausführenden Tätigkeiten jeden Tagewerks in der Admiralität zu den schmal bemessenen Pflichten eines Beraters nahm mir den Atem. Wie ein aus den Tiefen heraufgefischtes Seetier oder ein zu plötzlich hochgehievter Taucher drohten meine Adern von dem Sinken des Drucks zu platzen. Ich hatte große Besorgnis und kein Mittel, sie zu beheben; ich hatte heftige Überzeugungen und wenig Macht, sie wirksam zu machen. Ich hatte lange Stunden äußerst unerwünschter Muße, in denen ich die Entwicklung des Krieges überdenken konnte. Damals kam mir dann die Muse der Malerei zu Hilfe – aus Mitleid und aus Edelmut, denn sie hatte ja schließlich nichts mit mir zu tun – und sagte: „Sind diese Spielsachen dir zu irgend etwas nütze? Manchen Leuten machen sie Spaß.“

Nach dem Kauf eines Malkastens, einer Staffelei und einer Leinwand war der nächste Schritt, anzufangen. Aber was für ein Schritt! Die Palette glänzte mit Perlen von Farben; schön und weiß stand die Leinwand da; der leere Pinsel hing schwebend, von Schicksal schwer, unentschlossen in der Luft. Meine Hand schien von einem stillen Veto aufgehalten. Aber schließlich war die Luft bei dieser Gelegenheit unverkennbar blau, blaßblau außerdem. Es konnte kein Zweifel bestehen, daß blaue Farbe mit weißer gemischt auf den obersten Teil der Leinwand getan werden sollte. Man brauchte wirklich nicht die Ausbildung eines Künstlers zu haben, um das zu sehen. Es ist ein Ausgangspunkt, der allen offensteht. So mischte ich also sehr behutsam ein bißchen blaue Farbe auf der Palette mit einem sehr kleinen Pinsel und machte dann mit unendlicher Vorsicht einen Fleck ungefähr so groß wie eine Bohne auf den beleidigten schneeweißen Schild. Es war eine Herausforderung, eine bewußte Herausforderung; aber so schüchtern, so zögernd, ja so verkrampft, daß sie keine Antwort verdiente. In diesem Augenblick vernahm man das laute Geräusch eines nahenden Autos in der Auffahrt. Diesem Gefährt entstieg rasch und leicht niemand anderes als die begabte Frau von Sir John Lavery. „Malen! Aber was zögern Sie? Geben Sie mir einen Pinsel – den großen.“ Platsch ins Terpentin, plumps in das Blau und Weiß, toller Schnörkel auf der Palette – der nicht mehr sauberen – und dann verschiedene große, wilde Striche und Hiebe mit Blau auf die völlig geduckte Leinwand. Jeder konnte sehen, daß sie nicht zurückschlagen konnte. Kein böses Geschick rächte die muntere Gewalttat. Die Leinwand grinste vor mir vor Hilflosigkeit. Der Bann war gebrochen. Die ungesunden Hemmungen trollten sich. Ich ergriff den größten Pinsel und fiel mit Berserkerwut über mein Opfer her. Seitdem habe ich vor einer Leinwand niemals mehr Scheu empfunden.