Von Lutz Lehmann

Stuttgart

Als die Handballer des Sportklubs Steinheim am Albuch von einem Freundschaftsspiel, das sie über die Zonengrenze ins thüringische Riesa geführt hatte, in ihren Heimatort bei Heidenheim an der Brenz zurückkehrten, brachten sie aufregende Neuigkeiten mit: Funktionäre des kommunistischen FDGB in Riesa hätten ihnen erzählt, bei Steinheim würde ein Munitionslager der Bundeswehr gebaut. Manfred Bezler, gewählter Bürgermeister der mit über 6000 Hektar räumlich größten baden-württembergischen Landgemeinde winkte ab: Wenn es einen solchen Plan geben sollte, müßte er ja wohl zuallererst davon erfahren haben – und er wisse nichts. Das war im Mai 1960.

Sieben Monate später wurde Bürgermeister Bezler unmißverständlich an die fast schon vergessenen Riesaer Erzählungen seiner Handballer erinnert. Bundeswehroffiziere waren in den Staatswäldern des Sachsenhardt gesichtet worden, als sie den direkt vor Steinheims Toren gelegenen Höhenzug auf seine militärische Verwendbarkeit hin inspizierten.

Während Gerüchte die Runde machten – schon bald war von Atomsprengköpfen auf dem Sachsenhardt die Rede –, bemühte sich Bürgermeister Bezler um amtliche Informationen und erste Abwehrmaßnahmen. Er schrieb auch an den Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises Heidenheim-Ulm, der schon einmal auf Bitten seiner Steinheimer Wähler das drohende Unheil einer Raketenversuchsstation von der Gemarkung abgewendet hatte. Aber diesmal ließ der Abgeordnete Professor Dr. Ludwig Erhard die Anfragen des Steinheimer Bürgermeisters unbeantwortet.

Auch Landrat Dr. Wild konnte den Wissensdurst Manfred Beziers nicht stillen: er wußte selber nichts. Wild war vor einiger Zeit lediglich mitgeteilt worden, er werde „zu gegebener Zeit informiert werden“. Obwohl diese Zeit offenbar noch nicht gekommen war, trommelte Anfang Januar 1961 Bezler seine Gemeinderäte zusammen, um über das unbekannte militärische Projekt zu beraten. Als die Sitzung ihrem Ende zuging, erreichte den Bürgermeister telephonisch die amtliche Mitteilung, die ganze Sache sei geheim und dürfe keinesfalls im Gemeinderat besprochen werden. Sie war es aber bereits.

Eine Woche später hatten die Steinheimer Gemeinderäte ein konkreteres Beratungsthema. Ihrem Bürgermeister war vom Landrat, der inzwischen Unterlagen erhalten hatte, Information über das militärische Projekt Sachsenhardt angeboten worden. Bezler hatte es jedoch abgelehnt, die Munitionslagerpläne entgegenzunehmen oder einzusehen, weil ihm die Bedingung gestellt wurde, er dürfe seine Kenntnisse nicht an seinen Gemeinderat weitergeben. Die Räte billigten die Haltung ihres Gemeindeobersten, der vermeiden wollte, daß er als Geheimnisträger in dieser Sache die Steinheimer Interessen nicht mehr öffentlich vertreten konnte. Sie beschlossen: