Von Alex Natan

Wasser- und Luftfähren erleichtern die Anreise: Großbritannien ist zum europäischen Reiseland geworden. Es kommen auch sehr viele Fremde mit dem eigenen Auto, aber da England jedoch mehr motorisierte Gefährte pro Kopf der Bevölkerung besitzt als alle anderen europäischen Länder, so wird der Straßenverkehr durch den Fremdenbesuch nicht unbedingt erleichtert. Man kann allerdings die Parklandschaft des Inselreichs auch auf andere Weise genießen, beispielsweise wenn man die Themse hinunterfährt, die immerhin 336 Kilometer lang ist. Schon kurz nach ihrer Quelle ermöglicht sie eine Fahrt im Paddelboot, während die Dampfer zwischen Oxford, Reading, Windsor und London hin- und herfahren und Motorboote von London aus die Fahrt stromabwärts nach Greenwich machen.

Zu allen Zeiten ist die Themse ein echter nationaler Fluß gewesen, weil er durch das Herz des Landes fließt und erst unterhalb der Landesmetropole in die Nordsee mündet. Seine romantische Landschaft ist der romantischen Silhouette Londons durchaus ebenbürtig. Deswegen sollte man seine Reise dort beginnen, wo der Bach zum Fluß wird, noch lange von ländlicher Beschaulichkeit begleitet, von Trauerweiden umstanden, die die reichen Wiesen und Parks von Gloucestershire abgrenzen. Hier liegt das Landstädtchen Cricklade (Wirtshaus „White Heart“ empfehlenswert). Das Paddelboot gleitet nun langsam flußabwärts. Unterhalb der uralten Stadt Lechlade (Gasthaus „New Inn“) spiegelt sich bereits eine heroische Szenerie in den Wassern des vielgewundenen Flusses. Wenn die Themse schließlich Oxford erreicht, ist sie zu einem Gewässer angewachsen, das durchaus Anspruch auf die Bezeichnung „Fluß“ erheben darf. Hier verzweigt sich die Themse in ein Labyrinth von kleinen Flußarmen und entzückenden Brachwassern. Man kann verstehen, daß romantische Studenten einst an das Nildelta, an Antonius und Kleopatra dachten und daher der Themse an dieser akademischen Windung den Spitznamen „Isis“ verliehen haben. Unterhalb Oxfords reift der Fluß zum „Old Father Thames“ heran. Weit verliert sich der Fluß erneut in verlockende tote Arme und verträumte Buchten oder umspielt mit arkadischer Grazie kleine Inselchen und baumbestandene Hügel. Wer sich im Boot oder Schiffchen von Oxford nach Reading oder Windsor gleiten läßt, beginnt zu begreifen, warum gerade dieser Teil der Flußlandschaft zu allen Zeiten besonders anregend auf englische Poeten eingewirkt hat. Hügel und Wälder, reiche Güter, wunderbare Landhäuser inmitten kultivierter Parks, verzauberte Gärten, die bis zum Fluß hinunterreichen, verträumte Marktflecken, lustige Dörfer, seltsame Friedhöfe mit noch seltsameren Grabinschriften, die Schlucht von Goring, die Kalkabhänge von Cliveden gehören zum nationalen Stolz des Landes.

Von Windsor (Wirtshaus „Old House“) flußabwärts beherrscht die Hauptstadt den Fluß. Unterhalb Londons beginnt die lang hingezogene Mündung, längst von den Gezeiten des Meeres beherrscht. Hier heißt die Themse „Nore“ und ist mit ihrer fast holländischen Landschaftsprägung allen bekannt, die per Schiff von London in die Weltmeere reisen oder den Fluß hinauf London angeflogen haben. Die Themse ist niemals ein Grenzstrom gewesen, wie etwa der Rhein, sondern hat seit eh und je als Kanalweg für Handel und Verkehr, aber nicht als hindernde Barriere gedient.

Die Leistungen der Zivilisationen im Themsetal müssen der Missionsarbeit religiöser Stiftungen zugeschrieben werden. Zu allen Zeiten hat es an den Ufern der Themse mehr Klöster und wohltätige Stiftungen als Schlösser und Festungen gegeben, von denen der Bildersturm der Reformation und des Bürgerkriegs allerdings sehr viel zerstört haben. Dorchester (Wirtshaus „The George“) allein erwies sich glücklicher als die anderen Klöster. Es besaß bereits 634 eine Kathedrale. Es gehörte zu den Aufgaben der Mönche, Brücken über die Themse zu schlagen. Ihre Klöster lagen gewöhnlich in unmittelbarer Nähe eines Flußüberganges, so daß die Brücken gewöhnlich dort gebaut wurden, wo sich eine Furt (Oxford-Ochsenfurt) befand. Die älteste Brücke befindet sich in der Nähe von Lechlade, wo der Fluß schiffbar wird. Die niedrigste, aber gleichzeitig wichtigste Brücke ist die sagenumwobene London Bridge, die dort um 993 von Benediktinern als hölzerner Übergang errichtet worden war. Ähnlich wie Florenz’s „Ponte Vecchio“ war auch die London Bridge eng bebaut und galt europäischen Besuchern als Sehenswürdigkeit. In den Tagebüchern deutscher Englandfahrer aus den Mittelalter wird immer wieder auf das Wunder dieser Brücke verwiesen, die damals zwei Rehen bebauter Häuser, reiche Läden und vier Kapellen besaß. Im Jahre 1497 berichtete der venetianische Gesandte Trevisano nach Hause: „Auf dieser Brückenstraße gibt es 52 Goldschniedegeschäfte, so reich und voller unschätzbarer Gefäße, daß ich nicht glaube, daß in allen Laien Mailands, Roms, Venedigs und Florenz’ zusammen so viel Reichtum zur Schau liegt als in der Geschäften auf der London Bridge“. Erst im Jahre 1755, unter dem Eindruck des Erdbebens von Lissabon, wurden die Häuser abgerissen und die Brücke selbst 1833 neu gebaut. Ein uraltes Sprichwort besagter „London Bridge wurde für weise Menschen erbaut, um darüberzugehen, dagegen für Narren, um unterzugehen“.

Ein besonderer Hinweis für Wasserfahrer verdient die Magdalen Brücke in Oxford, Weil sie den Besucher der Universitätsstadt einen unvergleichlichen Anblick vermittelt, besonders am ersten Morgen im Monat Mai, wenn Madrigalgesang vom Turm des Magdalen-College den Frühling begrüßt und die Studenten in ihren Boten dieser Hymne in jungenhaft romantischer Stimmung folgen. Abseits vom modernen Verkehr der großen Straßen liegen jene uralten Gasthäuser, gewöhnlich in der Nähe eines Wehrs, die auch heute noch viel von jener unnachahmlichen Atmosphäre bewahrt haben, die einmal mit „Henry Old England“ identisch gewesen ist. Da ist „The Rose“ bei New Bridge, der gegenüber sich ein anderes Gasthaus befindet, das spätere Polizeistunde hat, so daß die Verehrer Bacchus’ einen schier unermüdlichen Pendelverkehr unterhalten. Ein Besuch in der „Trout“ in Godstow ist unerläßlich für Wasserwanderer, da sich hier so manche Oxforder Romanze abspielt. Uralt ist „The Bell“ in Hurley und schließlich unvermeidlich der berühmte „Complete Angler“ in Marlow, einem herrlichen Fischerparadies.

Da die Themse in unmittelbarer Nähe von Hof und Parlament fließt, macht sie die Existenz vieler königlicher Schlösser und großer Adelssitze verständlich, von denen Windsor, Hampton Court, Richmond, Whitehall, The Tower, Greenwich, Hardwicke, Sion House, Ham House genannt werden sollen. In der Vergangenheit hat die Themse stets als Bühne für die nationalen Schaugepränge gedient. In den Annalen kann man von den Prozessionen künstlerisch geschnitzter und reich geschmückter Staatsbanken lesen. Der Venetianer Canaletto hat sie immer wieder gemalt. Händel hat zu Ehren der Themse seine „Wassermusik“ komponiert. Seit dem frühen Mittelalter bis zum Jahre 1856 war der jährliche Umzug des neugewählten Lord Mayors von London eine großartige Wasserpantomime, da die mächtigen Barken der Gilden einen herrlichen Anblick geboten haben müssen. Im Jahre 1215 fuhren die Magnaten und Kirchenfürsten des Landes die Themse aufwärts, um auf der Wiese bei Runnymede König Johann die Magna Charta abzutrotzen, ein Ereignis, dessen Wiederkehr in diesem Jahr festlich begangen werden wird, zumal auf dieser Wiese das nationale Ehrenmal für Präsident Kennedy errichtet werden soll. Immer wieder war die Themse der Mittelpunkt großer innerpolitischer Ereignisse, nicht zuletzt an jenem kalten Januarmittag, als die sterblichen Überreste Winston Churchills über die Themse nach Hause, ins Familiengrab, gefahren wurden.