Eine Stadt, die durch ihre Prozesse berühmt wurde

Von Nina Grunenberg

Münster

Mit der Zeit und mit der Zahl der Merkwürdigkeiten und Makel, die den Namen der Westfalen-Metropole Münster verunzieren, wächst in der Brust des Unbeteiligten auch ein gewisses Verständnis für die landsmannschaftlichen Besonderheiten der Bürger dieser Stadt. Nicht, daß sie Verständnis für notwendig hielten: Wahrscheinlich würden sie es sich sogar verbitten. Sie konstatieren höchstens mit beleidigter Verwunderung, daß – nach den Fällen der Maria Rohrbach und den Maisheiligen und der Affäre Günter Weigand alle Welt behaglich Stielaugen macht, wenn nur der leise Verdacht besteht, die Münsteraner könnten sich mal wieder etwas geleistet haben. Und wenn das öffentliche Mißtrauen dann noch ihre Justizbehörden trifft, können sie es überhaupt nicht mehr verstehen.

Denn in ihrer Landschaft ist Autorität kein leeres Wort, besonders dann nicht, wenn sie von oben kommt und von Zeit zu Zeit mal kräftig nach unten durchgreift. Aber bei allem Verständnis für Methoden, die die Westfalen für richtig erachten – sie sollten zumindest den Nicht-Westfalen einen kleinen Zweifel erlauben, wie zum Beispiel in ihrer jüngsten Affäre, dem Falle der Marga Kauf. Obwohl der Fall seinen Höhepunkt bereits vor einem Jahr erreicht hat, wurde er erst jetzt bekannt: Marga Kaup hatte sich an eine Zeitung gewandt und prompt eine Schlagzeile erhalten. „Schon wieder mal wir“, seufzten die Münsteraner.

Krach mit der Tochter

Begonnen hatte die Geschichte als ein gewöhnlicher, aber unerfreulicher Fall beim Jugendamt und war bald vor das Vormundschaftsgericht gekommen: Marga Kaup wurde das Sorgerecht für ihre älteste Tochter Josephine entzogen. Das Mädchen, 1944 geboren, stammte aus der ersten Ehe der Frau, die 1957 zum zweitenmal geheiratet hatte. Zwischen Mutter und Tochter war es zu Spannungen gekommen. Josephine besuchte das Mädchengymnasium in Münster. Trotz ihrer guten Leistungen wollte die Mutter sie nur das Einjährige machen lassen. Sie drohte ihr an, sie in den „Guten Hirten“ zu stecken, im Volksmund als „Heim für gefallene Mädchen“ bekannt. Als die Auseinandersetzungen zu Hause übler wurden, brachte der Stiefvater das Mädchen am 17. Mai 1961 vorübergehend im katholischen Gertrudenhaus in Münster unter. Von dort wurde das Kind wenige Wochen später von der Fürsorge in das Internat Handorf der Vorsehungsschwestern in Münster-St. Mauritz gebracht und besuchte die Obersekunda.