Das Ende eines Hamburger Sittenprozesses

Von Ruth Herrmann

Hamburg

Sogenannte Sittenprozesse finden immer großes Interesse. Die allgemeine Neugier läßt sich dabei so angenehm mit der Empörung über Sündhaftigkeiten verquicken, die man selber natürlich niemals begehen würde. Besonders aufregend sind die Notzuchtprozesse. Da hat der Beobachter außer dem schwarzen Schaf, über das er sich entsetzt, noch die weiße Unschuld, der sein Mitgefühl gilt.

Beim Prozeß gegen den jetzt 59jährigen Hamburger Fabrikanten und Jachteigner Wilhelm Saß waren die Sympathien gerade umgekehrt verteilt: Das Mitgefühl galt dem Angeklagten, Kritik und strenge Beurteilung richteten sich gegen seine angeblichen Opfer, zwei Mädchen. Mit dem einen soll er es versucht, mit dem anderen getan haben, gegen ihren Willen, mit Gewalt. Auch daß die Öffentlichkeit, die bei solchen Vorwürfen oft nicht das Strafbare vom Ungehörigen unterscheidet, das in diesem Falle sehr wohl tat, war ein bemerkenswertes Phänomen. Sogar brave Hausfrauen, die sich das Schauspiel der Verhandlung gegönnt hatten, Frauen, die ihren eigenen Männern kaum nachsehen würden, wenn sie täten, was dieser Mann tat, klopften ihm voller Sympathie auf die Schulter. Es sah aus, als rechne man dem Angeklagten den Leidensweg an, den er hinter sich hatte, als das Wiederaufnahmeverfahren nun zu Ende ging. Wegen der ihm vorgeworfenen Verbrechen war er im ersten Prozeß vor zwei Jahren zu achtzehn Monaten rechtskräftig verurteilt worden.

Taucher in der Elbe

Die Ereignisse, um die es ging, trugen sich Ende September 1962 zu. Dieselbe Große Strafkammer 10, allerdings in anderer Besetzung, hatte die alte Geschichte neu zu verhandeln. Ein Wiederaufnahmeverfahren ist nur möglich, wenn neue Tatsachen oder Beweismittel beigebracht werden, die die Freisprechung des Angeklagten zu begründen vermögen. Sie fand der Angeklagte mit Hilfe eines neuen Verteidigers, der sie aus dem Dunkel des längst verrauschten nächtlichen Abenteuers aus der Elbe heraufholte. Heraufgeholt wurde durch Taucher übrigens auch ein Köfferchen, das einer der jungen Damen damals ins Wasser gefallen war. Es spielte in der Verhandlung dann aber keine wichtige Rolle mehr.