Ich ging noch kaum zur Schule, da kannte ich bereits die Opern von Lortzing, Wagner, Gluck, ja, sogar die von Meyerbeer: „Robert der Teufel“, beispielsweise. Dabei war ich keineswegs ein Wunderkind. Schließlich kannte ich ja nur jeweils vier Werke jener Meister und die bloß dem Namen nach. Denn die Schwester eines Freundes spielte in Ermangelung gleichaltriger Partner auch mit uns Quartett. Deutsches Komponistenquartett. Noch heute ist mir „Flotow: Alessandro Stradella“ geläufig, ohne daß ich die leiseste Ahnung habe, um wen es sich da handeln könnte. Spielen bildet also nur in gewisser Weise.

Aber: Ist das denn der Sinn des Spielens? Ich verneine es schlankweg, auch wenn namhafte Verlage sich dem pädagogischen Zweck des Spiels verschrieben haben. Sie täuschen sich da: Der pädagogische Zweck liegt im Tun ohne Zweck, in der Muße.

Man nimmt es natürlich in Kauf, empfindet es vielleicht als angenehme Beigabe, wird durch Spielen auch nebenbei die Allgemeinbildung angereichert. Aber nur dann, wenn es geschieht, ohne daß man es gewahr wird. Schließlich will ein Spieler nichts anderes, als ganz einfach spielen. Deshalb kauft er dann

„Öl für uns alle“; Otto Maier Verlag, Ravensburg; Karton mit Spiel- und Kontrollplan, sechs Halmakegeln, vier Tankern und sechzig Bohrtürmen aus Kunststoff, mit einem Würfel, 36 Frachtbriefen, 18 Besitzkarten, 32 Ereigniskarten, zwanzig Raffinerie- und Reedereiaktien, vier Versicherungspolicen, vier Karteikartenreitern und etwa siebzehn Millionen Dollar Spielgeld in verschieden hohen Scheinen; für zwei bis sechs Personen; Nr. 11 006, 11,50 DM.

Die Aufzählung der Bestandteile beantwortet die Frage: Der Spieler vermeint, bei so geballter Komplikation eine entsprechend hochqualifizierte Beschäftigung in der freien Zeit erworben zu haben. Aber viel raffinierter dürfte man es nicht mehr auslegen, was ein Spiel ist, wenn es eins bleiben soll. Sonst wäre es nämlich Arbeit, und dies ist, wie man weiß, das Gegenteil von Spiel. Nun hat Mark Twain gesagt, es sei Vergnügen, auf den Montblanc zu kraxeln, hingegen Arbeit, einen Brief auf die Post zu tragen. Dies trifft auf „Öl für uns alle“ gerade noch zu, denn es leidet an zu großer Wirklichkeitstreue.

Da waren Berater einer weltbekannten Petroleumfirma am Werk, und so erfährt man, ob man will oder nicht, daß in Kuwait, Irak und Quatar das Öl nur so quelle, und man hat alle Hände voll zu tun, es von Mina al Ahmadi, Umm Said und Badar Mashur (was im Spiel ein und derselbe Hafen ist) abzutransportieren, meist nach Kent, viel zu oft aber auch nach einem gewissen Kwinana in Australien, während es in Trinidad und Iran offensichtlich nur tröpfelt: nur selten macht sich ein Tanker von Port of Spain oder Tripolis auf den feuchten Weg. Man sieht, eine Wissenserweiterung, für die nur wenige Leute praktische Verwendung haben dürften. Was soll’s. Spieler pfeifen drauf.

Ein solches Mammutspiel benötigt nun auch eine entsprechende Vorbereitung: Man legt den nicht eben winzigen Spielplan auf. Auf ihm entdeckt man die von „Monopoly“ her bekannte Felderstraße entlang des Rands, zudem im Inneren aber noch eine Weltkarte, auf der die klassischen Öltankerlinien eingezeichnet sind. Dazu braucht man den unteren Teil des Kartons, denn darin werden, auf einer Lochmatritze, die Bohrtürme errichtet. Daneben findet man das Schema einer Aufschlußbohrung, in die man mit seinem Männchen höchstpersönlich, metaphorisch als Bohrmeißel, hinunterzukriechen hat: Man arbeitet sich per Würfel durch Ton und Schiefer, steckt im Gips fest, bis man endlich, wenn die ölführende Formation erreicht ist, als Besitzer einer neuen Ölquelle (man glaubt vor Öl förmlich zu triefen) auf den Rundlauf des Spielplans zurückdarf. Und das widerfährt einem mehrmals pro Spiel, denn der Besitz von möglichst vielen Ölquellen fällt bei der Endabrechnung entscheidend ins Gewicht. Des öfteren bohren sich sogar mehrere Teilnehmer gleichzeitig in die Tiefe.