Pensionäre im Meisterkittel

Von Renate Kingma

Die Lebenserwartung nimmt ständig zu. Kein Zweifel, wir werden immer mehr alte Leute um uns haben. Alt sein – in der Sprache des modernen Sozialstaates heißt das, über 65 Jahre alt sein und Rentner oder Pensionär genannt zu werden. Mediziner und Psychologen, oft sogar die Betroffenen selber, wissen aber, daß es im Prozeß des Alterns große individuelle Unterschiede gibt, daß Altern nicht selten erst da beginnt, wo sich der Mensch keine Ziele mehr zu setzen vermag, wo der Antrieb, die Spannung, die Freude daran, etwas zu tun, nachläßt. Medizinisch kann man das Altern schon sehr wirkungsvoll aufhalten, psychologisch jedoch bleibt noch sehr viel zu tun

Die Holländer schaffen das seit fünf Jahren mit Erfolg. Sie richteten sogenannte "Fabriken für Pensionäre" ein, in denen die alten Leute täglich für ein paar Stunden in ihren erlernten Berufen tätig sein dürfen, freiwillig natürlich. Dabei wird nicht das materialistische Argument bemüht, das wir in der Bundesrepublik oft hören, man müsse wegen des Arbeitskräftemangels auch diese Reserve ausschöpfen.

Das Musterbeispiel dieser Einrichtungen steht in Eindhoven, errichtet durch die private Initiative eines pensionierten Ingenieurs, des Professors Frans Martinus Roeterink. Dieser Mann, ehemals leitender Angestellter des Philips-Konzerns, hatte einen Tip von seinem obersten Chef erhalten: "Sie haben ja nun noch genug mit ihren Vorlesungen und Beratungen zu tun", hatte der alte Philips gesagt, "aber sehen Sie sich doch einmal Ihre Kollegen an. Was tun die jetzt eigentlich so den ganzen Tag?"

"Das", sagt Professor Roeterink, "hat mich eigentlich gar nicht besonders interessiert, denn ich war gerade dabei, meine Bücher zu katalogisieren..." Aber dann hat er doch ein bißchen herumgehorcht. Das Ergebnis: Ein großer Teil seiner Alterskollegen aus dem Betrieb war nicht gerade glücklich. Sie hatten sich offenbar ihren Ruhestand abwechslungsreicher vorgestellt. Sie fühlten sich nicht ausgelastet. Sie saßen nutzlos zu Hause herum. Sie waren ihren Frauen bei der Hausarbeit im Wege und hatten überhaupt keine Interessen oder Aufgaben, um ihre Tage sinnvoll auszufüllen. Der Beruf – und dies besonders bei den hochspezialisierten Fachkräften – war ihnen alles gewesen. Jetzt waren ihre Tage leer.

"Geben Sie ihnen doch Arbeit", riet der alte Philips, und die Männer meinten: "Ja, wenn \rir noch etwas zu tun hätten..." Damit war das Stichwort gefallen. Die Männer wurden zu einem Ausspracheabend eingeladen, der Plan, eine genossenschaftliche Arbeitsgemeinschaft zu gründen, ihnen dargestellt. Wie das alles vonstatten gehen sollte, war noch unklar – aber siebzig von den hundert Rentnern wollten sogleich mitmachen. Sie bestimmten einen Exekutivausschuß, der die Möglichkeiten, gemeinsam in den erlernten Berufen weiterarbeiten zu können, überprüfen sollte.

Die Bedingungen schälten sich bald klar heraus: Man wollte frei sein in der Zeiteinteilung, nicht mehr den ganzen Tag eingespannt, man wollte ohne Hetze gute Arbeit leisten dürfen, man wollte mitreden dürfen. Man wollte nicht mehr verwaltet, verplant, gemanagt werden, sondern "nur noch zum Vergnügen" arbeiten dürfen, wie einer der Männer es nannte. Und das wichtigste: keine Konkurrenz mehr untereinander und auch nicht zu der jüngeren, nach arbeitenden Generation. Nach dem Verdienst fragte anfangs niemand.

Pensionäre im Meisterkittel

Es dauerte etwa ein halbes Jahr, bis der Ausschuß greifbare Ergebnisse vorlegen konnte. Die Berufe und Kenntnisse der Mitarbeiter wurden notiert, danach die Reihenfolge der zu beschaffenden Maschinen ausgearbeitet. Eine Werkstatt wurde gefunden. Sie war groß genug (1300 Quadratmeter), um eine Tischlerei, eine Schlosserei, eine Malerwerkstatt, eine Schweißerei, einen Montageraum, Lager und Packraum zu enthalten. Ferner wurden eingeplant: Ein Konstruktionsbüro, Zimmer für Besprechungen, eine Kantine, Garderobe, Sanitätsstube, Waschgelegenheiten. Hand in Hand mit der Werkstattplanung wurde dann ein Voranschlag für die Beschaffungs- und Betriebskosten aufgestellt und gestützt auf den Voranschlag der Betriebskosten, als den veranschlagten Unkosten und den insgesamt voraussehbaren Arbeitsstunden der in Rechnung zu stellende Stundensatz ermittelt, der als Grundlage für die Festsetzung der für Lieferungen zu berechnenden Preise gelten sollte". So steht es, betriebswirtschaftlich korrekt, im ersten Rechenschaftsbericht der Genossenschaft.

Das Geld für die Miete der Werkstatt und der Maschinen und für die erste Anlaufzeit der geplanten Arbeitsgemeinschaft stellte die Firma Philips mit einem Bürgschaftsfonds zur Verfügung, der von zwei Mitgliedern der Firma, zwei städtischen Beamten und zwei Mitgliedern der Genossenschaft verwaltet werden sollte. Das geschah aus drei Gründen: ein finanzieller Mißerfolg wire auf die Firma Philips beschränkt geblieben, staatliche Gelder brauchen nicht erbeten zu werden, und die Stadt Eindhoven blieb dennoch an dem Experiment beteiligt und interessiert.

Doch nun ging, es immer noch darum, Aufträge herbeizuschaffen. Professor Roeterink wußte, daß an den höheren technischen Schulen Hollands der Bedarf an modernen Lehr- und Versuchsmodellen groß war. Er sprach mit den Berufsschullehrern, die wiederum arrangierten eine Ausstellung dessen, was schon vorhancen war. Kritik und Vorschläge wurden laut, und damit hatte man die ersten Aufträge so gut wie in der Tasche. Mit siebzig Mann konnte die genossenschaftliche Arbeitsgemeinschaft "Sterk door Werk" ihren Betrieb aufnehmen.

Das war 1959. Heute sagt der Professor: "Das Experiment ist gelungen, es kann zur Nachahmung empfohlen werden." Er sagt das zwar ohne Pathos, aber nicht ohne Stolz, denn die Entwicklung hat selbst ihn überrascht. Die Belegschaft zählt inzwischen 250 Mann, die Werkstatt soll erweitert werden, die Aufträge geben noch Arbeit für ein ganzes Jahr im voraus, der Bürgschaftsfonds ist längst abgetragen, die meisten Maschinen gingen in den Besitz der Genossenschaft über, und der Reingewinn ist beachtlich. Im letzten Jahr hatte die Werkstatt einen Umsatz von einer halben Million Gulden; rund 200 000 Gulden verdienten die Mitglieder dabei.

Die Werkstatt sieht aus, wie jede Werkstatt der Welt, in der gehobelt, gehämmert und geschliffen wird – Maschinenlärm, Stimmengewirr, konzentrierte Gesichter. Nur eben sehr viel mehr weißes Haar, gebeugte Rücken hier und da und noch etwas Eigenartiges: Wer in der Hierarchie der Arbeitskleidung holländischer Fabriken Bescheid weiß, muß sich wundern. Sind hier nur lauter Meister beschäftigt? Denn alle tragen den braunen Kittel, während es doch eigentlich auch ungelernte Kräfte (blaue Montur), Facharbeiter (grau) und technisches Personal (weißer Kittel) geben müßte.

Der Professor nennt diese Eigenart seinen "psychologischen Trick". "Sehen Sie die Jungens", so sagt er ("die Jungens" sind über 65 Jahre alt!), "die wollen keine Vorgesetzten mehr. Ist ja auch Unsinn bei uns, wo niemand mehr Karriere machen und jeder das Seine tun will. Manchen freut es heute, diesen Kittel tragen zu dürfen. Der da zum Beispiel", der Professor wies auf eine gebückte Gestalt, die sorgfältig Schrauben von Metallstaub säuberte, "der da hat das in seinem ganzen normalen Arbeitsleben nie erreicht. Er war immer Hilfsarbeiter geblieben, er hatte ja in seiner Jugend nichts gelernt. Als er bei uns seinen Kittel bekam, kam er zu mir und strahlte: ‚Daß ich das noch einmal erleben durfte...‘"

Ich wollte auf den Mann zugehen, aber der Professor hielt mich zurück: "Sie können ihn nichts fragen. Er hat seinen Hörapparat in der Schublade. Das heißt, er will nicht gestört werden. Wir respektieren das."

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"Gibt es nicht manchmal Unstimmigkeiten, Unlust, vielleicht sogar bei dem einen oder anderen eine kleine Depression? Alte Leute sind oft eigenwillig."

"Manchmal legt einer die Hände in den Schoß, starrt vor sich hin. Dann machen die anderen einen Bogen um ihn. Aber wenn es ihnen zu lange dauert, geht einer hin, klopft ihm auf die Schulter: He, sollen wir deine Arbeit machen, während du dich ausruhst? Dann geht es wieder."

In einer Vitrine des Sitzungszimmers stehen Beispiele aus der Produktion, Modelle von Kardankupplungen, Kran- und Baggersysteme, Bewegungsmechanismen aller Art, Kleinmotoren, sogar das Demonstrationsobjekt für einen Reißverschluß. Viele Berufsschulen bestellen bei der Genossenschaft; es werden ja auch immer wieder neue, modernere Modelle gebraucht.

Wer es sich zutraut, darf selber Aufträge besorgen; mit der Freude an der Arbeit und der Gemeinsamkeit bekamen die Männer offenbar ein Gefühl für die Werbung. Sie gehen einfach zu ihren ehemaligen Chefs und holen dort Arbeit, die schon lange auf die Ausführung wartet, einfache Verpackungs- und Montagearbeiten für die Ungelernten, Liebhaberbasteleien für die Findigen unter ihnen, so kürzlich die Restaurierung der beiden zwei Meter hohen flämischen Kronen aus der Leidener Universität, die bei einem Deckeneinsturz schwer beschädigt worden waren.

Die Arbeitszeit beträgt drei Stunden am Tag, dazwischen eine Kaffeepause. Hier werden neue Freundschaften geschlossen, denn es sind längst auch Penionäre aus anderen Betrieben dazu- – gekommen. "Manche wollen lieber vormittags kommen, manche nachmittags", erläutert der Professor, "aber fragen Sie selbst."

"Warum arbeiten Sie lieber vormittags?"

"Weil ich meiner Frau bei der Hausarbeit nicht im Wege sein will..."

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"Und warum kommen andere nur nachmittags?"

"Die müssen erst abwaschen!" Mijnheer Jansen, der Lagerverwalter, lacht. Hausarbeit ist nichts für seine alten Tage. Höhepunkt seiner Pensionärszeit war der Besuch der Königin im letzten Jahr; er zeigte ihr jeden Bohrer aus seinem Bestand. "Und den hier, Majestät, hab’ ich zu ihr gesagt, als sie mich fragte, wozu wir solche großen Dinger brauchen, den nehmen wir, wenn mal ein Elefant aus dem Tierpark Zahnschmerzen hat." Witzchen? Mijnheer Jansen ist 78 Jahre alt. Aber sein Lager führt er noch mustergültig.

Eine ganze Anzahl psychologisch geschickter Regelungen hält die Männer zusammen. Da ist einmal die persönliche Freiheit. Jeder kann Urlaub nehmen soviel er will. Aber vielleicht gerade deshalb ist pro Mann und Monat noch nicht mehr als ein Arbeitstag von drei Stunden versäumt worden. Unfälle sind geringer als in anderen Betrieben, die Männer arbeiten ohne Hast und mit der altersgemäßen Vorsicht. Aus dem gleichen Grunde wurde auch bald eine regelmäßige Qualitätskontrolle überflüssig. Bezahlt wird einmal im Vierteljahr, ein Gulden pro Arbeitsstunde, die Überschüsse am Gewinn werden einmal im Jahr vergeben (1964 waren es 35 Cents pro Arbeitsstunde) – da kommt ein größerer Betrag zusammen, mit dem man etwas anfangen kann,

"Und was machen Sie mit dem Geld?", fragte ich Herrn Beertsma, den Mann, der die Photos von den restaurierten flämischen Kronen immer in seiner Brieftasche trägt, "die Renten in Holland sind doch recht ordentlich?"

"Ein Fahrrad für mein Enkelkind und das nächste Mal ein Zuschuß zur Sommerreise für die Tochter."

Und andere:

"Wir brauchen einen neuen Gartenzaun" – "Meine Frau kriegt ein Iltiscollier, die ahnt noch gar nichts ..." – "Ich sammle Briefmarken und brauche noch einige Serien."

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Also arbeitet man hier auch noch gern, wenn man trotzdem ein Hobby hat – man arbeitet für das Hobby. Die Ehefrauen sind begeistert: ihre Männer sitzen nicht mehr murrend herum, sie haben eine Aufgabe wie eh und je und können etwas erzählen. Und es bleibt trotzdem genug Zeit für zu Hause.

Die Gesundheit der Männer ist besser als die des Durchschnitts ihrer Altersgenossen, das Durchschnittsalter verschiebt sich nach oben, die alten bleiben also länger, und immer mehr jüngere kommen dazu. Das älteste Mitglied ist 81 Jahre alt.

Das wichtigste aber: mit der Herstellung von Lehr- und Versuchsmodellen für Schulen haben die Männer eine Aufgabe, die ihrem hohen Alter von Natur aus zukommt, und in den Familien so wenig gefragt ist: Sie dürfen Lehrer der Jungen sein.

Professor Roeterink hat schon mehrmals in Deutschland über sein "Experiment" gesprochen. Er bezieht übrigens keine Einkünfte aus dem Unternehmen. Niemand solle denken, ein paar Findige unter den Alten wollten sich selber eine neue Erwerbsquelle erschließen. Er meint, daß auch in Deutschland der Bedarf an ähnlichen Einrichtungen groß sei. Auch die "Aktion Gemeinsinn" hat versucht, die Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände für Roeterinks Idee zu interessieren. "Unseres Wissens ist aber in der Bundesrepublik kein Versuch unternommen worden, eine Art von ‚Fabrik für Pensionäre’ einzurichten. Wir bedauern, Ihnen keine bessere Nachricht geben zu können." Das schreibt die Geschäftsführerin der "Aktion Gemeinsinn" aus Bad Godesberg.