Der erste Jahresbericht des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat vor allem deshalb Aufsehen erregt, weil darin einige Tatsachen deutlich ausgesprochen werden, die man im allgemeinen in Äußerungen offizieller Stellen kaum angedeutet findet. Nicht minder bemerkenswert war die scharfe Ablehnung einiger der in dem Gutachten ausgesprochenen Gedanken durch die Bundesregierung.

Die Stellungnahme der Bundesregierung zu dem Jahresgutachten wirft dem Sachverständigenrat eine „unrealistische Vorliebe“ für „fluktuierende Wechselkurse“ vor. Der Gegensatz in den Auffassungen von Sachverständigenrat und Bundesregierung kommt in der folgenden Feststellung zum Ausdruck: „Das Gutachten durchzieht wie ein roter Faden die Aussage, die Bundesrepublik könne sich in einer weniger auf Preisstabilität bedachten Umwelt der Konsequenzen für ihr eigenes Preisniveau nur durch Anpassung des Wechselkurses entziehen. Die Bundesregierung zögert nicht, diese Ansicht des Sachverständigenrates abzulehnen.“

Der Leser könnte daraus schließen, die Bundesregierung sei der Ansicht, ein Land könne die Stabilität des Preisniveaus auch bei fixierten Währungsparitäten in einer weniger auf Preisstabilität bedachten Umwelt bewahren. So wurden die Äußerungen der Bundesregierung auch in der Presse interpretiert. Die folgenden Zeilen erwecken allerdings wieder den Eindruck, daß die Bundesregierung diese Meinung doch nicht teilt. Nach einem Hinweis auf die Aufwertung vom März 1961, ohne die „eine sehr kräftige Anhebung des internen Preisniveaus“ hätte eintreten müssen, sagt die Bundesregierung: „Bis in die jüngste Vergangenheit haben sich sonst aber immer wieder Wege gefunden – und ließen sich auch noch weitere finden –, die vom Ausland ausgehenden Impulse auf das innere Preisniveau zurückzudrängen, wenn auch nicht völlig auszuschalten“ (von mir hervorgehoben).

Es wäre im Interesse einer Versachlichung der wirtschaftspolitischen Diskussion sehr zu wünschen, daß auch die Bundesregierung die Tatsache mit aller Deutlichkeit ausspricht, daß ein Land in einem System fixierter Wechselkurse und weitgehend freiem Handel sein Binnenpreisniveau bestenfalls vorübergehend von der Entwicklung in der übrigen Welt isolieren kann. Ist beispielsweise der Preis eines international gehandelten Gutes auf dem Weltmarkt 1 Dollar pro Stück und ist die Dollarparität mit 4 Mark festgesetzt, so kann sein Preis in Deutschland auf längere Sicht nur um den Betrag der Transportkosten und künstlichen Handelshemmnisse wie Zölle und so weiter von 4 Mark abweichen. Konnte das betreffende Gut bisher von Deutschland zu einem Preis von 3,50 Mark ab Werk exportiert werden und steigt der Weltmarktpreis auf 1,10 Dollar, so steht zu erwarten, daß sich die deutschen Exporteure, ließen sie den Preis unverändert, einer sehr stark erhöhten Nachfrage aus dem Ausland gegenübersehen würden. Nichts liegt näher, als daß sie sich dem höheren Weltmarktpreis durch Anhebung ihres eigenen Verkaufspreises anpassen und auf diese Weise ihre Ertragslage verbessern. Nichts berechtigt zu der Annahme, daß die deutschen Produzenten im Regelfall ihre Erzeugnisse im Inland weiterhin zu unveränderten Preisen verkaufen. Die Bundesregierung spricht dagegen überraschenderweise in ihrer Stellungnahme die Ansicht aus, daß auch durch eine „relativ starke Erhöhung der Exportpreise ... das inländische Preisniveau nicht berührt wird“.

Vorübergehend kann der Anstieg des Preisniveaus durch den allmählichen Abbau der Zölle und Importbeschränkungen aufgehalten werden, wie die Stellungnahme der Bundesregierung betont. Man möchte wünschen, daß davon noch häufiger als bisher Gebrauch gemacht würde. Der Außenhandel kann jedoch nur solange weiter liberalisiert werden, als noch Handelshemmnisse bestehen. Spätestens von diesem Zeitpunkt ab müßte man sich dem Diktat der Weltinflation beugen. Es ist auch zu berücksichtigen, daß die Bundesrepublik nach Verwirklichung des Gemeinsamen Marktes nicht mehr in der Lage sein wird, eine selbständige Handelspolitik zu betreiben, und sie daher diesen Weg zur Preisstabilisierung in wenigen Jahren nicht mehr beschreiten kann.

Güter, die nicht international gehandelt werden, können nicht direkt von der Inflation in der übrigen Welt erfaßt werden. Die erhöhte Nachfrage nach Exportgütern bewirkt jedoch auf dem Umweg über die erhöhte Nachfrage nach Arbeitskräften, Roh- und Hilfsstoffen seitens der Exportindustrie ein Anziehen der Preise auch in den meisten anderen Sektoren. Die vermehrte Liquidität der Wirtschaft und des Bankensystems, die durch hohe Leistungsbilanzüberschüsse zustande kommt – und die von vielen Beobachtern als die einzige Quelle der importierten Inflation angesehen wird – tut ein übriges, um den Inflationsprozeß zu forcieren.

Unter besonders günstigen Bedingungen könnte man das Übergreifen der Weltinflation auf das eigene Land vorübergehend durch Anwendung restriktiver Geld- und Budgetpolitik auch bei fixierten Wechselkursen verzögern. Wie oben ausgeführt, besteht nur ein begrenzter Spielraum (bedingt durch Transportkosten und künstliche Handelshemmnisse) für Abweichungen der Binnenpreise international gebändelter Güter von ihren Weltmarktpreisen. Sie werden in einer offenen Volkswirtschaft zwangsläufig von der Weltinflation erfaßt. Die Stabilisierung des heimischen Preisniveaus durch geld- und budgetpolitische Maßnahmen würde daher voraussetzen, daß die Preise der nicht international gehandelten Güter und Dienstleistungen fallen. Obwohl alle Erfahrung dagegen spricht, wollen wir annehmen, daß dies in der Tat im erforderlichen Umfang geschieht.