Von Martin Wieland

London, im März

Die einzige Überraschung, die Gromykos Londoner Besuch gebracht hat, ist die Entdeckung, daß der sowjetische Außenminister, der so viele Jahre lang mit düsterer und verbissener Miene „Njet“ sagte, auch mit gewinnendem Charme „Njet“ sagen kann. Die Erinnerung an sein verbindliches, unverbindliches Lächeln ist zurückgeblieben – so wie in Lewis Carrolls „Alice in Wonderland“ das Grinsen der Cheshire-Katze noch sichtbar war, nachdem sie selbst sich in nichts aufgelöst hatte.

Seine Besprechungen mit Harold Wilson und Außenminister Michael Stewart wurden im offiziellen Jargon als „nützlich“ bezeichnet – von der Presse dagegen als „unproduktiv“, was unter den gegebenen Umständen auf eins hinausläuft.

Da man von dem Gedankenaustausch keine wichtigen Ergebnisse erwartet hatte, kann niemand enttäuscht sein. Selbst der Zeitpunkt des bereits früher angekündigten Besuchs des russischen Ministerpräsidenten Kossygin wurde offen gelassen. Aber die neue Einladung an Stewart, die Besprechungen in Moskau fortzusetzen, zeigt immerhin, daß die Sowjetregierung die Fäden nicht abreißen lassen will.

In London hat man viel Verständnis dafür, daß Moskau angesichts der aggressiven Haltung Chinas derzeit nicht anders handeln kann. Obwohl das Wort „Vietnam“ im Schlußkommunique gar nicht erwähnt wird, stand dieses alarmierende Problem natürlich im Vordergrund der Besprechungen. Der britische Außenminister regte Schritte zur Einberufung einer Friedenskonferenz der Signatarmächte des 1954 in Genf abgeschlossenen Vietnam-Abkommens an – und stieß auf harte Ablehnung. Aber auch hier versperrte Gromyko nicht den Weg zu einer zukünftigen Lösung: Er bekannte sich – im Gegensatz zu früheren Äußerungen – weiterhin zu der Verantwortung, die die Sowjetunion mit Großbritannien als gemeinsame Vorsitzende der Vietnam-Konferenzen übernommen hatte.

Es ist in London nicht übersehen worden, daß die chinesischen Attacken auf Moskau gerade in den vergangenen zwei Wochen außerordentlich an Schärfe gewonnen haben und daß genau in den Tagen, da Gromyko sich mit Wilson und Stewart unterhielt, der stellvertretende Außenminister Pekings, Lo Kuei-po, in einer Konferenz der pro-chinesischen kommunistischen Parteien den Vorsitz führte – und zwar ausgerechnet in Stockholm, also sozusagen an der Türschwelle Rußlands. All das mag Gromykos starre, aber äußerlich nicht unfreundliche Haltung in London erklären, seine Weigerung, im Augenblick aktive Vermittlungsversuche in Vietnam zu unternehmen, seine Abneigung, den Besuch Kossygins als Gast einer „imperialistischen“ Regierung schon jetzt festzulegen.